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Cranach in Düsseldorf : Was ihn zum machtvollen Komplizen Luthers machte

  • -Aktualisiert am

Vor 500 Jahren stürzten zwei Männer das abendländische Bildverständnis um: Martin Luther und Lucas Cranach der Ältere, der die neuen Bilder der Reformation schuf. Eine opulente Schau in Düsseldorf zeigt jetzt den ganzen Cranach.

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          Vor diesem Bild mussten Zeitgenossen die Sinne vergehen. Wenn man sich ihm überlässt, geschieht das noch heute. Was soll das für ein Schleier sein, der vom Oberarm der Venus fällt, sich sanft über Hüfte und Geschlecht schmiegend? Er lässt ja den Blick ungehindert durch, er zwingt ihn sogar herein. Und hält die Liebesgöttin den kleinen Cupido, der mit gespanntem Bogen lauernd hinter ihr vortritt, schützend mit der Hand zurück, oder demonstriert sie nicht vielmehr ihre Macht, ihn jederzeit loslassen zu können? „Bezwinge mit ganzer Anstrengung deine Liebesgelüste“, steht zu beiden Seiten ihres Schopfes in Majuskeln auf Latein, „damit nicht Venus dein umnebeltes Herz besitzt“. „Venus und Cupido“ von Lucas Cranach dem Älteren, entstanden 1509 während der erfindungsreichen ersten Jahre am Hof Friedrichs des Weisen zu Wittenberg, ist ein gemalt-geschriebener Double Bind – und ein über alle Zeiten gültiger Kommentar zur Macht von Bildern.

          Man weiß nicht, welcher Italiener für das erste lebensgroße „nackete Bild“ nördlich der Alpen (vom „Akt“ spricht man erst seit dem 19. Jahrhundert) als Vorbild diente, nur dass Friedrich schon 1507 beim Herzog von Mantua Interesse am Austausch von Kunstwerken anmeldete. Stellvertretend hängt in der großen Düsseldorfer Cranach-Ausstellung eine etwas später entstandene Venus von Lorenzo Costa zum Vergleich daneben. Ihr Schleier verbirgt das Geschlecht gerade so, und ihr Blick kreuzt beinahe den des Betrachters, während Cranachs Venus, versonnen zur Seite blickend, den Geladenen großmütig gewähren lässt. Offenbar stolz auf die Innovation, einen Akt mit Worten aufzuladen und in doppelmoralische Schwebe zu versetzen, präsentiert Cranach auf dem schwarzen Hintergrund einen Cartellino mit seinem Schlangensignet als gleichwertiges Bildelement.

          Ein Pionier der Moderne

          Es war dieser Sinn für die suggestive Verschaltung von Bild und Text, der Cranach später, ab 1518, zum machtvollen Komplizen des zehn Jahre jüngeren Martin Luther machte. Dieser erklärte 1522 als Entgegnung auf die Ikonoklasten Bilder für „Adiaphora“, Mitteldinge, deren Besitz für den Gläubigen unbedenklich sei, weil sie nicht von sich aus böse, sondern „boese seindt von wegen jres mißbraüchs“. Zum Missbrauch zählte er die gesamte bis dahin gültige Verehrung von Reliquien und Heiligenbildern. Luther führte einen aufgeklärten Bildbegriff ein, der zwischen Bild und Abbild unterscheidet. Bilder, schrieb er, seien „zum ansehen, zum zeugnis, zum gedechtnis, zum zeychen“. Als Beleg diente etwa Cranachs Porträt „Martin Luther als Junker Jörg“ von 1522, das wie eine Schlagzeile verkündete, dass Luther nach der fingierten Entführung durch Friedrich noch lebte. Doch Cranach setzt die Ermächtigung des Einzelnen gegenüber der Kirche auch auf formaler Ebene um, wenn er den Betrachter wie mit einem starken Zoom mitten unter die von Christus gesegneten Kinder holt; oder unter die Abschied nehmenden Apostel, hinter denen die weite, offene Landschaft auf alle Protestanten wartet (Philipp Melanchton ist schon mal vorgegangen und diskutiert rege mit den Abgebildeten). Cranach löst das Bild aus der Funktion der Andacht und bereitet so der Kunst den Weg in die Autonomie. Mit Recht präsentiert ihn die Schau im Kunstpalast als Pionier der Moderne.

          Es ist eine spektakuläre Ausstellung. Zum einen, weil sie Cranach in seltener Vollständigkeit zeigt, vom ersten bekannten Werk, dem im Umkreis der Wiener Humanisten entstandenen Hieronymus von 1502, bis zu einem der letzten, ein Porträt Ferdinands I. von 1548, auf dem das Schlangenwappen in zittrigem Strich gezeichnet ist. Auch die einzige erhaltene Leinwand ist darunter. Die Schau versammelt eine gewaltige Zahl internationaler Leihgaben, darunter Cranachs wohl bestes Madonnenbild für den Fürstbischof von Breslau um 1510, das erstmals in Deutschland zu sehen ist, seit es 2012 wiederauftauchte – ein deutscher Priester hatte es wohl 1947 im Breslauer Dom gegen eine Kopie ausgetauscht. Auch sind die fünf erhaltenen, über Europa verstreuten Tafeln des um 1630 zersägten Prager Altars zusammengeführt und eigens umgerahmt, um in das auf die Wand gedruckte Schema des Originals zu passen.

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