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„Apeshit“-Museumsführung : Der Louvre setzt aufs Nachäffen

Beyonce und Jay-Z im Louvre. Bild: ddp Images

Mehr als 70 Millionen Klicks im Netz: Der Louvre bietet eine Führung entlang der siebzehn Werke an, die im Video zu „Apeshit“ von Beyoncé und Jay-Z gezeigt werden. Ist bei dieser Glamour-Tour etwas zu lernen?

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          Im Musikvideo „Apeshit“ der Popsängerin Beyoncé und des Rappers Jay-Z zeigen sich die beiden Musiker vor den Ikonen des menschenleer ausgekehrten Louvre in Paris. Mit der Präsentation des Clips am Ende eines Konzerts in London und seinen inzwischen mehr als 70 Millionen Klicks im Netz ist die dünne Geschichte allerdings noch nicht zu Ende. Der Louvre hat nun eine anderthalbstündige thematische Tour entlang der siebzehn Werke vorgestellt, die in dem Musikkurzfilm gezeigt werden. Das Pariser Museum hoffe, wie sein Direktor Jean-Luc Martinez sagt, mit der Clip-Tour „sein Publikum zu vergrößern und mehr junge Menschen“ zu erreichen. Das mag verwundern, sind doch die mindestens 8,1 Millionen Besucher des Louvre im Jahr 2017 wahrlich keine schlechte Bilanz. Zudem war die Hälfte von ihnen jünger als dreißig Jahre, auch das eine perfekte Balance für ein Museum.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn Martinez noch hinzufügt, er wolle den Louvre für ein immer vielfältigeres Publikum „lesbarer“ (plus lisibles) machen, kommt man der mutmaßlichen Wahrheit schon näher: Abermals geht es um eine Nivellierung, ein Absenken des Anspruchs auf Bildung nach unten. Denn das Video „Apeshit“ des Regisseurs Ricky Saiz gab die Auswahl der Kunstwerke vor, nicht der Louvre. Das Museum schrieb nur Begleittexte zu den abgelutschten werbevideotauglichen Bildern hinterher. Bei dieser Glamour-Tour ist nichts zu lernen. Dass beide Superstars in dem Video vor der Mona Lisa stehen, ist der Gipfel der Einfallslosigkeit. Wie schon anlässlich von Dan Brown, der mit seinem Thriller „Sakrileg“ kostenlose Louvre-Werbung und Bildsymbolik-Lehre für Anfänger bot, sieht man auch hier die Dollarzeichen in des Museumsdirektors Augen aufblitzen.

          Angeblich „meditierend“, in Wirklichkeit indifferent und dandyhaft gelangweilt steht Jay-Z im Video vor einem der bewegendsten Bilder der Kunstgeschichte, Théodore Géricaults „Floß der Medusa“, das wegen der darauf dargestellten Menschenfresserei aus schierer Not auch „Die Restauration frisst ihre Kinder“ heißen könnte. Obwohl Géricault mit dem Bild in zuvor ungekannter Weise politisches Versagen scharf anklagt, wird jegliches kritisches Potential wegkontempliert und weggetanzt beziehungsweise in der Museumsführung stark heruntergefahren.

          Das neben der Mona Lisa meistfotografierte Werk des Louvre, die Nike von Samothrake im Großen Treppenvestibül, wird von Beyoncé im Wortsinn überflügelt, da die Sängerin ein pseudohellenisches Endlosgewand aus flügelartigen Stoffmassen trägt. Auf der ebenfalls endlos wirkenden SergeiEisenstein-Treppe ihr zu Füßen liegen „nackte“ Männer und Frauen wie in einer falsch verstandenen Vanessa Beecroft-Performance scheintot herum.

          Das albernste Re-Enactment jedoch ist ein Ringelpietz mit Anfassen vor Jacques-Louis Davids „Kaiserkrönung Napoleons“, den zehn farbige Tänzerinnen aufführen müssen, die durch ihre fleischfarbenen Kostüme nackt wirken, statt dass Beyoncé, Jay-Z oder der Regisseur etwa den „Pavillon des Sessions“ gezeigt hätten, in dem Artefakte aus allen Kontinenten zu sehen sind. Das Musikvideo „Apeshit“ und die nun nach seinem „Vorbild“ gestaltete Louvre-Führung sind ebenso geschichtsvergessen wie sein Äquivalent auf Peinlich-Gauländisch, der Vogelschiss. Ein Häufchen der Geschichte.

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