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Lichtbild von Carmontelle : Als die Bilder zu rollen lernten

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Sonnige Bewegtbildnerei: Die Illustration in einer Schrift von Carmontelle über die von ihm schon 1794 erfundenen Lichtbilder zeigt, wie das frühe Heimkino hundert Jahre vor den Brüdern Lumière funktionierte. Bild: Bibliothèque de l’Institut National d’Histoire de l’Art, Paris

Mit Louis Carmontelles frühem, 42 Meter langem Roll-Lichtbild von 1798 wird im Schloss Sceaux bei Paris der erste Kinofilm der Welt wiederaufgeführt. Es zeigt sich: Der frühe französische Film war retrospektiv und brav.

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          Im neunzehnten Jahrhundert wurde an den ersten modernen Reihungen von Einzelbildern laboriert, die Bewegung suggerierten, projiziert werden konnten und zur Erfindung des Films führten. Schon damals aber war der Menschheitstraum, Bilder aus ihrer Starre zu lösen und zum Laufen zu bringen älteren Datums: Bereits im siebzehnten Jahrhundert wurde die – wohl noch ältere, vielleicht spätmittelalterliche – Laterna magica beschrieben, eine Art Vorläufer des Diaprojektors oder heutigen Beamers. Ohne direkte technische Verbindungen zwischen den verschiedensten Prototypen herstellen zu wollen: Auf etwa halbem Wege zwischen Varianten der Laterna magica, auch des Guckkastens, des Panoramas und den vielen Facetten animierten Miniaturtheaters sowie den Pionierleistungen früher Filmtechniken sind Transparentbilder von Louis Carrogis (1717-1806), genannt Carmontelle, anzusiedeln.

          Carmontelle war ein Tausendsassa, ein Pariser Multitalent, der als Ingenieur, Romanschriftsteller und Bühnenautor hervortrat. Als solcher interessierten ihn Maschinerien und der Illusionismus von Theatern. Sein Name ist zudem mit noch erhaltenen Elementen des Pariser Parc Monceau verbunden. Er betätigte sich nämlich auch als Landschaftsarchitekt, konzipierte „divertissements“ für den Adel und ersann Staffagen und Festdekorationen, widmete sich also oft dem Ephemeren. Im kollektiven Gedächtnis blieb er eher als Maler. Seine zahlreichen, auch durch ihre zarten Farben anziehend wirkenden Porträts zeigen Persönlichkeiten der Zeit im Profil. Berühmt wurde sein Bild, das Leopold, Wolfgang Amadeus und Nannerl Mozart 1763 beim Musizieren zeigt.

          Bewegung durch Kurbeln

          Besser als seine vergänglichen Hervorbringungen und ebenso wie seine Porträts haben sich einige seiner mehrere Meter langen, abrollbaren Transparentbilder (vulgo „Rollbilder“) erhalten. Sie gelten als Rarität wie Kuriosität und werden nie ständig, sondern nur vorübergehend ausgestellt.

          Berühmt wurde Carmontelles Bild, das Leopold, Wolfgang Amadeus und Nannerl Mozart 1763 beim Musizieren zeigt.

          In diesem Sommer zeigt das Musée du Domaine départemental de Sceaux in den Stallungen von Schloss Sceaux bei Paris ein solches Transparentbild in der Sammlungspräsentation „Dessiner un jardin“, allerdings nur zu bestimmten Terminen. Dann wird es für wenige Augenblicke entrollt und zum Leben erweckt. Anders gesagt: Während auf eine sich selbst nicht bewegende, statische Kinoleinwand Einzelbilder so schnell projiziert werden, dass sie sich bewegen, wird hier der Bildträger selbst – eine Folge von Einzelbildern – durch Kurbeln in Bewegung gebracht.

          Dem Projekt eines Landschaftsgartens, aus dem der spätere Parc Monceau hervorging, widmete sich Carmontelle seit dem Beginn der 1770er Jahre. Vor Augen stand ihm ein englisch-chinesischer Garten mit gewundenen Wegen, Wasserlauf und „fabriques“ in Form von Mühlen, Tempeln, Pyramiden, Ruinen und Tartarenzelten. Aus dieser Tätigkeit heraus konzipierte er jene illuminierte Kompositionen, die in abgedunkelten Räumen oder bei Anbruch der Nacht die Illusion einer abwechslungsreichen Promenade erzeugten, angesichts der man bequem sitzen bleiben konnte.

          Eine Idylle der „guten alten Zeit“

          Dafür arbeitete Carmontelle wohl im Stehen an einem Fenster, an dessen Scheibe er den Bildträger heftete, ein großes Blatt Papier, um sein Sujet mit dünner Farbe festzuhalten und dabei Brillanz und vor allem Transparenz zu erreichen. Dies wiederholte er so lange, bis eine ganze Sequenz von Einzelbildern zusammengebracht war, verklebt, zu einem Band zusammenfügt, eingerollt, in einer großen Dose aufbewahrt und also transportiert werden konnte. Beim Ausziehen des Bands mit Hilfe von Kurbeln, Walzen und Spulen sorgte eine Beleuchtung von der Rückseite für Licht- und Farbeffekte. Es zogen dann allerlei Landschaften, Szenen aus der Stadt und vom Land, von volkstümlichen Festen und aristokratischen Bällen und sogar eine Feuersbrunst am Betrachter vorbei – eine Art mobiles Kino avant la lettre.

          Wandelnde Figuren in einem Park – dargestellt auf einem Bild, das laufen kann: Einer der Bildstreifen Carmontelles.

          Das Transparentbild „Les Quatre Saisons“ des Museums in Sceaux entstand 1798 und hat eine Länge von 42 Metern, das in gut zwanzig Minuten durch 119 miteinander verbundene Einzelbilder die Jahreszeiten kommen und gehen und so die Zeit verrinnen lässt. Zu sehen sind mit Architekturelementen, Passanten und Flaneuren versehene Landschaften der Umgebung von Paris und eine Szene aus der Hauptstadt. Diese Landschaftsdarstellungen sind keine Veduten, sondern imaginiert und idealisiert.

          Dagegen wird die Kapitale von einer sehr naturalistisch gesehenen Porte Saint-Denis vertreten, dem bis heute erhaltenen Stadttor von 1672. Wie beim Blick aus einer gemächlich vorankommenden Karosse eröffnet sich bei dieser Reise durch die Île-de-France eine Idylle der „guten alten Zeit“. Es ist diejenige des Ancien Régime, des vorrevolutionären Frankreich, dem Carmontelle Aufträge und Ruhm bei Zeitgenossen verdankte und offensichtlich nachhing. Die Sammlungspräsentation „Dessiner un jardin“ zeigt ebenfalls Graphik von Jacques Rigaud, Jean-Baptiste Oudry oder Charles-Joseph Natoire – künstlerisch weitgehend überlegene Arbeiten. Laufen aber kann nur das Werk Carmontelles.

          Dessiner un jardin. Im Musée du Domaine départemental de Sceaux, bei Paris. Das Transparentbild „Les Quatre Saisons“ wird am 4. Juli um 15 Uhr 30 gezeigt sowie noch am 18. Juli, 1. und 22. August, ebenfalls jeweils um 15 Uhr 30.

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