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Ankauf eines Selbstporträts : Rückweg ins Exil

Mit der zweiten Braue sieht frau besser: Lotte Lasersteins „Selbstporträt vor ,Abend über Potsdam´“, 1950 Bild: Lotte-Laserstein-Archiv Krausse Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Von Schweden nach England „zurück“ nach Deutschland: Lotte Lasersteins „Selbstporträt vor ,Abend über Potsdam‘“ kehrt auf Umwegen an seinen geistigen Entstehungsort zurück.

          3 Min.

          Mit Max Beckmanns „Selbstbildnis mit Sektglas“ von 1919 beginnen in der Malerei die zerrissenen Zwanziger (F.A.Z. vom 15. Oktober). Mit Lotte Lasersteins „Abend über Potsdam“ aus dem Jahr 1930 enden sie. Nicht nur zeitlich, auch inhaltlich: Dieses Abschiedsessen unter Freunden vor Potsdams Silhouette strahlt eine derartige Melancholie aus, dass kaum ein Betrachter umhinkommt, zumindest das seismographisch fein vorgespürte Wissen um den kommenden Verlust von Freiheit hineinzusehen. Zu Recht: Die Malerin wählte bewusst das Bildformular des letzten Abendmahls. Wohl hat sie nicht die drohenden Toten geahnt. Der im Zentrum sitzenden Frau im grellgelben Kleid jedoch kippt der Kopf vor schwerer Vorahnung zur Seite, und auch die Freunde scheinen sich angesichts der anrollenden braun-grauen Wolkenbänke im Hintergrund wie Apostel zum Aufbruch zu rüsten.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Seit am Dienstag das von der Ernst von Siemens Kunststiftung für deutlich weniger als 50.000 Euro aus englischem Privatbesitz angekaufte „Selbstporträt vor ,Abend über Potsdam‘“ dem Potsdam Museum - Forum für Kunst und Geschichte übereignet wurde, bildet es mit dem ein mal zwei Meter messenden „Abend über Potsdam“ in der Berliner Nationalgalerie eine Art Luftbrücke der Exilmalerei, da Laserstein 1937 nach Schweden emigrierte und nicht mehr an die alten Erfolge anknüpfen konnte.

          Letztes Abendmahl mit aufziehenden braunen Gewitterwolken: Lotte Lasersteins „Abend über Potsdam“ aus dem Jahr 1930.
          Letztes Abendmahl mit aufziehenden braunen Gewitterwolken: Lotte Lasersteins „Abend über Potsdam“ aus dem Jahr 1930. : Bild: bpk / Nationalgalerie, SMB / Rom

          Kopfgeburten in Dunkelgrün

          Auf dem neu erworbenen Selbstbildnis sitzt die Zweiundfünfzigjährige mit hochgezogenen Brauen und wachem Blick vor der schräg stehenden Staffelei und malt sich im Spiegel, der zugleich wir als Betrachter sind. Hinter ihr ist ein kleiner Teil des monumentalen Abendmahlbildes mit dem skizzenhaft gemalten Hund unterm Tisch zu sehen. Der Stil ist die Neue Sachlichkeit der Zwanziger, obwohl das Öl-auf-Leinwand-Gemälde doch erst im Jahr 1950 entstand, wie das Datum rechts unten auf dem Bild neben der Signatur mit vollem Namen bekundet. Wie schon bei früheren Selbstbildnissen zieht das Gemälde einen nicht geringen Teil seiner Faszination aus der raffinierten Reduktion auf nur eine kräftige Farbe im gesamten Bildraum, hier das tiefe Grün der Frau mit Krug im Abendmahlsbild über Laserstein.

          Doch nicht genug mit der koloristischen Zuspitzung: Zusätzlich wächst die Frau in Grün optisch aus dem Haupt der Malerin heraus, so dass sie wie eine klassische Kopfgeburt der Antike erscheint. Dreh- und Angelpunkt neben der sich konterfeienden Künstlerin ist die grüne Frau in jedem Fall, denn sie ist wie das zitierte „Abend über Potsdam“ seitenverkehrt wiedergegeben, da das Selbstporträt im Spiegel gemalt wurde. Die wie von der Staffelei stürzende Leinwand ist dabei eine alte Bekannte innerhalb Lasersteins Malerei - bereits auf ihrem leicht unterlebensgroßen „Selbstbildnis“ im Malerkittel und mit leuchtend rotem Pullover von 1938, das noch bis Ende November in der Ausstellung „Orte des Exils“ im Salzburger Museum der Moderne zu sehen ist (F.A.Z. vom 29. September), kippt das bearbeitete Bild, dort jedoch nach hinten in den Raum.

          Es wirkt, als weiche das auf nur sehr dünnen Staffeleibeinchen stehende große Bild vor dem Fixieren ihres Selbsts ebenso zurück, wie es Laserstein im Fall des nun Potsdamer Selbstporträts geradezu anzuspringen scheint. Subtil reflektieren die Nägel, mit der die Leinwand auf den Keilrahmen gespannt ist, das Grün der Einschenkenden, so wie sich in deren Kleid das Rotbraun der Haare der Malerin und des an der Tafel Sitzenden spiegeln.

          Unübersehbar: Auch in ihrem leicht unterlebensgroßen Selbstbildnis im Malerkittel aus dem Jahr 1938 setzt Lotte Laserstein einen markanten Farbakzent.
          Unübersehbar: Auch in ihrem leicht unterlebensgroßen Selbstbildnis im Malerkittel aus dem Jahr 1938 setzt Lotte Laserstein einen markanten Farbakzent. : Bild: Stiftung Stadtmuseum Berlin

          Exilkünstler als Zeitkapseln

          Das Besondere des Gemäldes ist jedoch weniger diese kunstvolle innerbildliche Verschränkung als vielmehr seine Ikonographie des Exils: Nahezu keiner der aus Hitler-Deutschland geflüchteten Künstler nahm ab dem Exilzeitpunkt den je dominierenden Stil der Aufnahmeländer an, im Gegenteil: Max Beckmann importierte seinen auch amrikanische Künstler prägenden, weil aufs Seeleninnere verdichteten mythischen Expressionismus unverändert aus Europa nach New York, bis er 1950 in Manhattan auf offener Straße an einem Herzinfarkt starb. In genau diesem Jahr setzt Laserstein im schwedischen Exil, in dem sie auch nach 1945 blieb, das zwanzig Jahre zuvor gemalte und mit nach Schweden genommene Potsdam-Bild hinter sich, das zwar nur bruchstückhaft aufscheint, aber dem gesamten Selbstporträt seinen neusachlichen Stil der Zwanziger aufprägt. Allesamt waren die Exilanten als künstlerische Botschafter eines besseren Deutschlands vor 1933 auch Stil-Zeitkapseln.

          Zerrissenheit und Härte des migrantischen Paradoxons und Dilemmas spricht auch aus einem Brief aus dem schwedischen Exil an Traute Rose, Lieblingsmodell und engste Freundin der Malerin: „So bleibt hier bei aller Freundschaft und aller herzlicher Beziehungen immer eine Kluft. Aber dieselbe Kluft wird mich trennen von denen, die es dort, in Deutschland, erlebt haben. Das ist das Schicksal von uns Emigranten.“ Dies Fatum ist durch den Ankauf nicht aufgehoben. Da aber das Geheimnis der Erlösung Erinnerung heißt, ist es mindestens gelindert.

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