https://www.faz.net/-gqz-9j17x

„Peanuts“-Ausstellung : Der Kürbis spricht nicht

Der Cartoonist Charles M. Schulz zeigt eine „Snoopy“-Zeichnung in seinem Büro in Santa Rosa, Kalifornien. Bild: AP

Was sagt uns das Gleichnis vom größten Kinderfreund? Selig sind, die nicht glauben und doch sehen: die „Peanuts“, in London ausgestellt.

          Zur falschen Zeit am falschen Ort. Wer kennt das nicht? Man blickt noch einmal zur Seite, aber diskret, um nicht aufzufallen, und prüft, ob man sich nicht doch noch davonstehlen kann. Dann fügt man sich ins Unvermeidliche. Wie Snoopy im Kürbisfeld, in der Nacht vor Halloween.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Sonntagsseite der „Peanuts“ vom 30. Oktober 1977 ist eine der spätesten der etwa hundert handgezeichneten Originalfolgen, mit denen die Ausstellung über Charles M. Schulz im Somerset House am Londoner Themseufer prunken kann. Die von Claire Catterall kuratierte Retrospektive konzentriert sich auf die erste Hälfte der Karriere von Schulz, der seinen Strip exakt fünfzig Jahre lang schrieb und zeichnete, von 1950 bis 2000, und bestätigt damit stillschweigend den Befund, den der Schriftsteller Timur Vermes jüngst im „Spiegel“ aus Anlass des Abschlusses der in Deutschland bei Carlsen verlegten Gesamtausgabe nicht ohne Wehmut formulierte: In den späteren Jahren ließen die „Peanuts“ nach, als Schulz für die Tagesstreifen statt vier nur noch drei Bilder produzierte oder manchmal auch nur ein einziges, in die Breite gezogenes, auf dem die Figuren wie in einer heiligen Konversation nebeneinander saßen, ohne dass sich noch ein Rest von Handlung entfaltet hätte.

          Es spricht für den Kunstverstand der Nachlassverwalter vom Charles M. Schulz Museum in Santa Rosa, Kalifornien, dass sie die Londoner Auswahl akzeptiert haben, statt sich einzubilden, ihre weltbekannte Marke durch ein Beharren auf der Fiktion gleichbleibender Qualität schützen zu können. Konstanz des Standards hätte nur durch industrielle Produktionsbedingungen sichergestellt werden können, und Schulz, dem mehr als 2500 Zeitungen auf der ganzen Welt sein Tagwerk abnahmen, lehnte es ab, durch Arbeitsteilung seine Verdienstmöglichkeiten noch weiter zu verbessern. Assistenten beschäftigte er nicht, und nur für die Zweitverwertung in Comicheften (im Unterschied zu den jährlichen oder thematischen Sammlungen der Strips in Buchform) gab er seine Figuren in die Hände von Zeichnerkollegen.

          Sogar die Entwürfe für Werbeartikel behielt Schulz sich vor, so dass auch die in London aufgehäuften Paraphernalien popkulturellen Ruhms wie Tassen und T-Shirts durch zeitlose Eleganz gefallen. Unter den Leihgaben aus Santa Rosa sind Werkzeuge des Künstlers und Archivalien, bekritzelte Zettel und weißer Karton. Man kann nachvollziehen, wie ökonomisch er gearbeitet hat: Fast immer zeichnete er ins Reine.

          Abstraktion fördert Identifikation

          Vermes lässt die klassische oder, um die in der Altphilologie eingeführte Epochenstufung nach Edelmetallen zu verwenden, silberne Phase dann doch zu früh enden: „Schon Mitte der Siebziger wird die Angelegenheit ziemlich öde.“ Das ist Geschmackssache. Der Strich geht in dieser Zeit in eine Lockerheit über, die sowohl Entspannung als auch Unruhe ausdrücken kann und damit noch einmal eine neue Variante der den Strip durchgängig prägenden Stimmung der Ambivalenz hervorbringt.

          Es genügen Schulz dann lakonische Kürzel zur beiläufigen Markierung gemischter Gefühle – wie auf der Halloween-Seite von 1977 in dem Bild, wenn Linus Snoopy offenbart, dass ihm nach der Ankunft des größten Kinderfreundes zwischen Himmel und Erde die Aufgabe zukommen werde, die frohe Botschaft zu verbreiten, die beiden unten offenen Kringel der Augen des Hundes. Die Pupillen sind hier zwei kleine Kleckse am rechten Ende der angedeuteten Umrisslinien. Snoopy hört zu und versucht wegzuschauen. Ihm ist die Situation peinlich, und er will sich nichts anmerken lassen, obwohl Linus, der Enthusiast, doch für Anwandlungen von Zweifel in seinem Publikum gar kein Organ hat. Die mimische Chiffre ist an uns adressiert, das Bild wird zur kleinen Guckkastenbühne. Snoopy wahrt ein Pokerface, obwohl er gar keine Karten in der Pfote hält und nur verlieren kann: Ein schlechtes Gewissen handelt er sich ein, wenn er den Propheten im Stich lässt, aber ebenso auch, wenn er ihn in seinem Kinderglauben bestärkt.

          Die Rücksicht, die Snoopy auf Linus zu nehmen sich genötigt sieht, kann uns rühren: Hier erscheint die Treue, die der Mensch dem Hund andressiert zu haben glaubt, als eine höchst voraussetzungsreiche Leistung, ein Habitus auf Widerruf. Der Witz liegt in der Machart: im Kontrast zwischen der psychologischen Thematik der Untertreibung, Beschwichtigung und fingierten Verdrängung und den durch Sparsamkeit überdeutlichen zeichnerischen Mitteln.

          Weitere Themen

          Wer ist der Mensch hinter „Der Herr der Ringe“? Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Tolkien“ : Wer ist der Mensch hinter „Der Herr der Ringe“?

          Im Biopic „Tolkien“ erfährt der Zuschauer, woher der Schöpfer von „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ seine Ideen für die weltbekannten Mittelerde-Romane nahm. Tilman Spreckelsen hat den Film bereits gesehen – und ist nicht ganz überzeugt.

          Vom Winde umweht

          Mikrofonwindschützer aus OWL : Vom Winde umweht

          Mikrofonwindschützer sind die heimlichen Ikonen der Medienwelt. Hergestellt werden sie in Handarbeit. Weltmarktführer des Reporter-Accessoires ist ein Unternehmen in Ostwestfalen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.