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„Peanuts“-Ausstellung : Der Kürbis spricht nicht

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Zwei Bilder später spitzt Schulz den Konflikt, in dem der teilnehmende Beobachter sich unbehaglich eingerichtet hatte, komisch zu: Als Linus das große Ereignis mit Snoopy durchspielen will und das Erscheinen des Ersehnten probeweise verkündet, ziehen sich die Hundeaugen zu Punkten zusammen, und die Schnauze wird mit dem einfachsten karikaturistischen Federstrich, der nach unten gebogenen Linie, zum Emblem panischen Missmuts. Unentscheidbar, ob Snoopy jetzt die Gewissheit schreckt, dass er sich als Stimme seines (für die Festtagszeit angenommenen) Herrn zum Narren machen wird, oder ob die plötzlich aufblitzende Erwägung furchtbar ist, dass die Parusie wirklich eintreten könnte.

Wenn die ganze Welt ausradiert werden sollte, wird man Snoopy immer noch erkennen, sofern nur die schwarze Nase übrig bleibt. Bei Charlie Brown bezeichnet der Zickzackbalken seines Pullovers den unzerstörbaren Charakter. Abstraktion fördert Identifikation: Das beweisen in London die Arbeiten von zwanzig Gegenwartskünstlern, die sich von den „Peanuts“ haben inspirieren lassen und oft mit grafischen Anspielungen auskommen, die sie aus dem Handgelenk schütteln. Das Personal von Schulz ist eine Gesellschaft komischer Heiliger, mit deren Prüfungen sich die Identitätsdebatten unserer Zeit illustrieren lassen: Die Schmusedecke von Linus und Schroeders Kinderklavier sind Attribute, die jeder kennt.

Realistisch durch Widersprüche

Vermes hat bezeugt: „Linus verehrt den Großen Kürbis – es hat ewig gedauert, bis ich begriffen habe, dass er damit sogar in Amerika allein ist.“ Das unschuldige kindliche Missverständnis enthielt aber durchaus eine Wahrheit über Amerika: Dort ist der Volksglaube eine Summe von Erlösungsreligionen auf radikal individualistischer Basis. Schulz, der in Minnesota aufwuchs und von Deutschen und Norwegern abstammte, war zeitweise ein frommer Protestant, entwickelte sich aber zum Agnostiker. Ob man den Varianten der Kürbis-Parabel, die seit 1959 Jahr für Jahr wiederkehrte, von dieser inneren Geschichte etwas ablesen kann, wäre einmal zu untersuchen. Wahrscheinlicher ist, dass die Zweideutigkeit sich nicht auflösen lässt: Der Kürbis spricht nicht.

Er eignet sich als Gefäß klassischer religionskritischer Satire, zumal in einem Land, in dem ein großer Teil der Bevölkerung die apokalyptischen Bücher der Bibel wörtlich liest, und die Ersatzreligionen des Konsumzeitalters dürfen sich gleich mitgemeint fühlen vom Doppelgänger des Weihnachtsmanns, der ihm die Stammkundschaft abjagen will, indem er früher liefert. Aber die Einsamkeit des Jahr um Jahr betrogenen Nachtwächters im Kürbisfeld ist auch ein starkes Bild für die Unerschütterlichkeit eines Glaubens, der besteht, weil er absurd ist.

Snoopy dient dem Kürbiskünder nicht jedes Jahr als Assistenzfigur, hat keine Heilsplanstelle wie der Löwe des heiligen Hieronymus. Während er Linus eine Toleranz entgegenbringt, die in Selbstverleugnung gipfelt, wenn er im letzten Bild der Sonntagsseite tatsächlich das Steckenpferd eines Missionars auf Probe reitet, zeigt er in anderen sozialen Beziehungen eine vollkommene Indifferenz. So wissen wir, dass er nicht weiß, wer der Junge mit dem großen Kopf ist, der ihm jeden Tag sein Futter bringt, und wir wissen, dass Charlie Brown das nicht weiß.

Snoopy kann solche psychologischen Extreme in sich vereinen, weil er ein intelligentes Tier unter Menschen ist, also sozusagen eine Comicfigur hoch zwei, ein begnadeter Rollenspieler. Aber auch die Kinder verhalten sich je nach Lage und Gegenüber ganz unterschiedlich: Linus, der Sektengründer ohne Jünger, ist auch ein in der historischen Kritik versierter Bibelexeget. Man könnte meinen, eine zur Unterhaltung von Zeitungslesern erfundene Form der Kurzerzählung müsse keinen besonderen Wert auf die Konsistenz von Charakteren legen. Aber dass die Hauptfiguren zusammengesetzt wirken, dürfte der Grund dafür sein, dass sie uns realistisch vorkommen. Die Anpassung an die widersprüchlichsten gesellschaftlichen Erwartungen macht das Individuum zu einem Bündel von Idiosynkrasien. Aus dem Blick des ungläubigen Snoopy auf den Evangelisten des Großen Kürbis spricht die Ahnung: Jetzt übertreibt er es aber, und das ist echt.

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