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Liu Xiaodong in Düsseldorf : Unter der Pflugschar der Geschichte

Die Manipulation der Medien lehrte ihn, nur dem selbst Erlebten zu trauen: Eine Retrospektive zeigt, wie akribisch der chinesische Maler und Humanist Liu Xiaodong die Entwicklungen seines Landes dokumentiert.

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          Den Blick dieses Künstlers vergisst man nicht. Der chinesische Maler Liu Xiaodong, in Asien längst eine große Berühmtheit, ist derzeit in seiner weltweit ersten Retrospektive in der Düsseldorfer Kunsthalle zu erleben. Neben sechzig Gemälden im allgemeinverständlichen, oft auf den Sozialistischen Realismus zurückgreifenden Idiom des Neoimpressionismus, die der Kurator Heinz-Norbert Jocks aus chinesischen und internationalen Galerien sowie Privatsammlungen zusammengetragen hat, umfasst sie auch zahlreiche Fotos, Filmdokumentationen, Tagebuchnotizen, die im zweiten Ausstellungslokal des NRW-Forums die Arbeitsweise dieses modernen Historienmalers und Humanisten vergegenwärtigen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Liu Xiaodong, ausgebildet an der Pekinger Zentralakademie der Bildenden Künste, wo er heute lehrt, hatte sich vor dem Tiananmen-Massaker 1989 an der Avantgardeschau im Nationalen Kunstmuseum beteiligt und war Anfang der neunziger Jahre eine Größe im neorealistischen Kino. Doch um vom Menschsein in unserer rapide sich verändernden Welt zu zeugen, eigne sich nichts so wie die gegenständliche Malerei, ist der Künstler überzeugt, weshalb sie, wie er prophezeit, nie veralten wird.

          Unermüdlich Reisender

          Liu Xiaodong ist ein unermüdlich Reisender, der sich seit einiger Zeit von einem eigenen Filmteam begleiten lässt, weshalb man in Düsseldorf einen sehr persönlichen Eindruck von ihm bekommen kann. Videoaufnahmen zeigen einen ausgesucht höflichen Mann, dessen Augen seine Umwelt, die ihn mächtig anzusaugen scheint, hungrig, angespannt und stets sorgenvoll in sich aufnehmen.

          Hungrig und sorgenvoll: In Liu Xiaodongs Werken liegt viel Naturalismus.
          Hungrig und sorgenvoll: In Liu Xiaodongs Werken liegt viel Naturalismus. : Bild: Thomas Köster

          Er mischt sich unter nur mit Unterhosen bekleidete Arbeitsmigranten, die bei der Errichtung der riesigen Drei-Schluchten-Talsperre Siedlungen demolieren. Er lässt sich von Uiguren, die in der nordwestchinesischen Steinwüste nach Jade graben, erklären, warum Eheverträge ohne männliche Beglaubigung ungültig seien. Und er macht, bei seinem jüngsten Projekt in Berlin, dem schwulen chinesischen Künstlerkollegen Isaac Komplimente für sein „cooles“ Aussehen, kauft für das Transgender-Modell Blumen und begeistert sich für deren „königliche“ Schönheit.

          Reisen habe für ihn nichts mit Glücksempfinden zu tun, erklärt Liu Xiaodong im Katalog, vielmehr ermögliche es ihm, zur Wirklichkeit vorzustoßen und also als Künstler zu überleben. Als solcher müsse er Teil der Landschaft werden, formuliert er sein Credo, das sei manchmal schmerzhaft. Emphatisch bekennt er sich zur Freilichtmalerei, trotz Erfahrungen mit Sandstürmen, die Bilder verdarben, oder einem betrunkenen Autofahrer, der in seiner Heimatstadt Jincheng eine halbfertige Leinwand kaputt fuhr, die in die Ausstellung integriert wurde.

          Indem er die metaphysiklose Fragilität der Gegenwart beschwört, ohne Klage, aber auch ohne Ironie, knüpft Liu Xiaodong an die Klassiker des französischen Realismus an, freilich unter verstärktem Einsatz von schmutzig bunten Müllfarben.

          Nach dem Erdbeben in der Provinz Sichuan vor zehn Jahren porträtierte er eine Gruppe Mädchen mit vor Trauer schiefen Gesichtern vor dem Hintergrund ihrer von einer Lawine verschütteten Stadt. Dass die Häuserkästen auf dem mit nervösem Pinsel hingeworfenen Bild nicht durch kubistisch optisches Theater, sondern real durcheinandergewürfelt wurden, darin liegt sein naturalistisches Pathos.

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