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Limburger Bischofssitz : Der Bau, von dem alle sprechen

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Eine Mischung aus verschiedenen Vorbildern

Ein einsamer Geniestreich ist dieses spektakuläre Gebäude nicht: In Gent wurde im September 2012 direkt vor der gotischen Kirche St. Nikolaus die neue Stadthalle der Architekten Robbrecht & Daem eingeweiht. Von Architekturkritikern gefeiert, präsentiert sie sich als moderne Quintessenz der umgebenden Altstadt, radikal reduziert auf die Grundform Satteldach, Spitzgiebel und Kubus.

Regional dürften Christoph Mäcklers markantes Galeriehaus „Portikus“ auf der Frankfurter Maininsel und Max Dudlers oft prämiertes Mainzer Hotel „Quartier 65“, beide ebenfalls als „Urhäuser“ geformt, Frielinghaus angeregt haben. Wie diese Bauwerke ist auch die Limburger Kapelle nur auf den ersten Blick ein Fremdling im historischen Stadtkörper. Näher betrachtet erweist sich ihr Steildach als Zwilling des Dachs der Alten Vikarie, und ihr Umriss als respektvolle Nachzeichnung der Konturen von Limburgs Altstadthäusern. Selbst das Anthrazit des Nero Assoluto ist ein Zitat - in ihm scheinen die Schieferdächer und die verschieferten Fassaden der Altstadt auf.

Umso überraschender wirkt das strahlend weiße Innere der Kapelle. Minimiert auf die reine geometrische Form, schlicht, streng, festlich. Mildernd wirken die Fenster: Der Glaskünstler Johannes Schreiter hat sie in sanftem Blau, Gelb, Rot und Grau mit abstrakten Lineaturen zu Chiffren der Themen Pfingsten, Hochzeit zu Kanaan, Erleuchtung und Erlösung gestaltet. Helle, die Vernunft und Glaube eint, wie der Bischof, der mit dem Künstler das Programm entwickelte, sichtlich begeistert erklärt.

Sinnbild der Maßlosigkeit

Residenz? Was die für Amtsgeschäfte, Besucher und öffentliche Veranstaltungen bestimmten Trakte angeht, ist dieses Ensemble hervorragend gelungen; eine Synthese aus Alt und Neu, reich an fesselnden bildhaften Verweisen auf die sakrale Bestimmung. Die hypertrophe Bischofswohnung, die für Unsummen aus dem Ausland importierten Materialien, die selbstherrlichen Umplanungen dagegen kann man nicht anders als das Denkmal eines blinden Ästhetizismus und maßloser Verschwendung nennen. Dafür muss nun der gesamte Amtssitz büßen.

Dass aufwendige Architektur für die Verfehlungen ihrer Bauherren herhalten muss, ist so alt wie das Bauen selbst: Es ist angesichts der inbrünstigen Verehrung, die das heutige Judentum der Klagemauer als letztem Rest des Tempels in Jerusalem entgegenbringt, kaum vorstellbar - aber als Herodes der Große 21 vor Christus das Heiligtum mit Säulenhallen und Prunkhöfen zu einem der schönste Großbauten der Alten Welt machte, hassten die Juden ihn dafür. Sie sahen keine Schönheit, sondern die Untaten eines mörderischen Tyrannen. Und als 1997 im italienischen Assisi die Erde bebte und Gewölbe der Grabeskirche des heiligen Franziskus einstürzten, war sofort klar, dass man kein Geld für die Restaurierung scheuen würde. Im Jahr 1227 dagegen, als mit dem Bau begonnen wurde, hätten viele das Beben zur gerechten Strafe Gottes erklärt - damals tobte der Streit, ob man mit einem solch prächtigen Bau nicht die Armutsideale des Heiligen verrate.

Immer gab es den schreienden Gegensatz zwischen franziskanischer Hütte und prächtigem Dom, Demut und Pomp, Amt und Amtsinhaber. Insofern ist der Limburger Amtssitz Sündenbock für die Verfehlungen seines Bauherren. Zu beweisen, dass er nicht Bischöfe verherrlicht, sondern der Allgemeinheit dient, wird Sache der Nachfolger des Franz-Peter Tebartz-van Elst sein.

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