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Letzte Bilder : Der Mut der späten Momente

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Monumental, bescheiden oder auch komisch: Eine Frankfurter Ausstellung widmet sich den „letzten Bildern“ wichtiger Künstler, die manchmal unterschiedlicher kaum sein könnten.

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          Wenn man über jemanden sagt, sie oder er sei „alt“ geworden, dann ist das meistens nicht als Kompliment gemeint, im Gegenteil, es bedeutet, dass man eine Person weniger hübsch, anregend oder geistreich findet; aus der Feststellung spricht Enttäuschung, etwas ist verlorengegangen. Gerecht ist das nicht, denn natürlich gibt es Menschen, die im Alter schöner, lustiger und klüger werden, als sie es zu dem Zeitpunkt waren, zu dem man sie „jung“ nannte. Aber wenn es je Hoffnung darauf gab, dass die Vorstellung davon, was es heißt, alt zu sein, positiv besetzt werden könnte, dann jetzt: Die Schirn Kunsthalle Frankfurt zeigt eine Ausstellung mit dem Titel „Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger“.

          Wovon handelt die Ausstellung? Gezeigt werden mehr als hundert Bilder von vierzehn verschiedenen Künstlern, darunter Manet, Monet, Jawlensky, Matisse, Evans, de Kooning, Kippenberger oder Georgia O’Keeffe. Es sind ausschließlich Werke, die während der letzten Lebens- und Schaffensjahre entstanden sind, und wer gleich wissen will, was das Alter Tolles mit Künstlern anstellen kann, der sollte zu dem überwältigendsten Raum der Ausstellung durcheilen, zu den letzten Bildern von Georgia O’Keeffe. Die amerikanische Malerin, die 1887 geboren wurde, war bereits eine weltweit anerkannte Künstlerin, als sie im fortgeschrittenen Alter das Weltreisen für sich entdeckte. Zum Staunen brachten sie allerdings keine fremden Länder und Sitten, keine Menschen und Städte, sondern das, was sie von weit oben aus dem Flugzeugfenster sah. „Als ich um die Welt flog“, schrieb sie, „war ich überrascht, wie viele große Wüsten wir überquerten - mit einem breiten Fluss darin oder einem Flussbett, das sich durch den Sand schlängelt. Ich produzierte einen fast drei Zentimeter dicken Stapel von Zeichnungen, nach denen ich zu Hause dann größere Zeichnungen und schließlich Gemälde schuf.“

          Der unbedingte Wille, in die Kunstgeschichte einzugehen

          Wüsten von oben faszinierten O’Keeffe, aber auch die Wolken, die am Flugzeugfenster vorbeizogen. In den sechziger Jahren begann O’Keeffe einen Zyklus von Gemälden, der ebendas zeigte: den Blick aus dem Flugzeugfenster. Vier dieser Bilder sind nun in Frankfurt versammelt, schäfchenweiße Teppiche, die sich bis zum Horizont flocken, wo die Sonne blassgrün an einem blauen Himmel verglüht. Georgia O’Keeffe war damals fast achtzig Jahre alt, wer weiß, was sie noch gemalt hätte, wenn sie nicht erblindet wäre. Das letzte Bild, das sie ohne fremde Hilfe malen konnte, ist auch aus dem Georgia-O’Keeffe-Museum in Santa Fe an den Main gereist: „The Beyond“ von 1972, ein blauschwarzer Nachthimmel, auf dem ein Lichtstreifen aufleuchtet.

          Mit Georgia O’Keeffe hat die Kuratorin Esther Schlicht eine Künstlerin ins Zentrum der Ausstellung gerückt, die ihr Werk im Alter noch einmal neu erfand. Ist das die Regel? Ein vergleichbarer Fall ist natürlich Claude Monet, der von 1914 an riesige Seerosenbilder schuf, auch er war bereits weit über siebzig Jahre alt. In der Ausstellung werden Monets Gemälde den vergleichsweise kleinen Blumenstillleben von Édouard Manet gegenübergestellt, Sträuße in Vasen, die Freunde dem schwerkranken Künstler geschenkt hatten und die er 1882/3 malte. Als er starb, war er gerade mal einundfünfzig. Nicht alle Künstler, deren letzte Bilder in Frankfurt ausgestellt werden, wurden alt.

          O’Keeffes und Monets Gemälde sind groß und beeindruckend, Manets Bilder klein und anrührend, aber nicht immer zählen die letzten Bilder zu dem Besten, was ein Künstler hervorgebracht hat. Die Ausstellung belegt auch ein anderes Phänomen, das sich häufig im Spätwerk von Künstlern findet: den unbedingten Willen, sich in die Kunstgeschichte einzuschreiben. Wie das aussieht? Zum Beispiel wie Andy Warhols „The Last Supper (Camel/57)“, ein monumentales, nichtssagendes Bild, das in Umrisslinien Jesus im Kreis seiner Jünger zeigt, dazwischen Pop-Art-Referenzen. 1986 hatte Warhol die Arbeit an einer Werkgruppe begonnen, in deren Zentrum Leonardo da Vincis berühmtes Mailänder Wandgemälde stand. Als Warhol 1987 unerwartet an den Folgen einer Routineoperation starb, wurden diese Gemälde zu seinem Vermächtnis. Warhol war noch nicht einmal sechzig Jahre alt.

          Die besten Persiflagen malte er vor seinem Tod

          Dass der berühmte Pop-Art-Künstler mit der Zeit immer häufiger darauf verfiel, bekannte Motive aus der Kunstgeschichte zu sampeln, lag natürlich zum einen daran, dass er mit den Jahren die Kunstgeschichte immer besser kannte, mehr wusste und gesehen hatte; außerdem gehören Leonardo da Vincis Bilder natürlich ebenso zur Populärkultur wie Suppendosen oder Hollywood. Es gibt aber auch eine andere Erklärung: Je älter Künstler werden, desto fordernder beanspruchen sie einen Platz im Pantheon der Kunstgeschichte. Die Zeit der Experimente, Witze und Späße ist bei einigen dann vorbei, der Wunsch, ins Museum einzuziehen und unsterblich zu werden, nimmt zu. Die Formate werden größer, mit den Alten Meistern sucht man nun den Schulterschluss, in Katalogtexten lässt man sich bescheinigen, der „Leonardo des 20. Jahrhunderts“ zu sein - und malt gleich das Bild dazu.

          Ja, und dann gibt es natürlich auch wieder Künstler, bei denen die Geschichte genau andersherum erzählt werden muss: Sie waren in der Jugend ernst und wurden im Alter lustig. Das beste Beispiel sind die wunderbaren späten Gemälde des 1888 geborenen Giorgio de Chirico, der, als er Mitte zwanzig war, rätselhafte leere Plätze malte, die nur von Gliederpuppen oder Statuen bevölkert wurden. Es scheint, dass ihn, als er auf die achtzig zusteuerte, wenig mehr zum Lachen brachte als seine eigenen Bilderfindungen der frühen Jahre: Bevor er 1978 starb, malte der italienische Künstler die besten Persiflagen. Aber was? Nun, Bildwitze werden nicht besser, wenn man sie nacherzählt - und von einer guten Ausstellung sollte man, wie von einem guten Buch, in einer Besprechung auch nicht gleich alles verraten.

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