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Goethes Lieblingsbild : Wer hat die Eierschalen übermalt?

Ein geheimer Schwanenhals: Kassels Gemäldegalerie erklärt Goethes Lieblingsbild und knackt den „Leda-Code“ des Leonardo-Schülers Giampietrino.

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          Die „süße Traurigkeit des Mundes“ hatte es ihm angetan, die „schmachtenden Augen“ und die „sanfte, gleichsam bittende Neigung des Hauptes“. Am 18. August 1801 besuchte Goethe die landgräfliche Gemäldegalerie in Kassel und blieb, so hieß es später, lange vor der sogenannten Caritas des Leonardo da Vinci sitzen. Als kurz darauf die Brüder Franz und Johannes Riepenhausen eine Kopie des Caritas-Kopfes anfertigten und in Weimar ausstellten, lobte Goethe die Qualität dieser Arbeit mit großer Wärme. Ein spätes Echo findet die Faszination des Autors für gerade dieses Bild dann noch in Thomas Manns Goethe-Roman „Lotte in Weimar“ von 1939, in dem Mann den alternden Dichter wiederum das Bild in den höchsten Tönen preisen lässt. Und die Anekdote anfügen, das vor dem Gesicht der Schönen angebrachte Glas sei auf der Höhe ihres Mundes von lauter Küssen ganz feucht.

          Tilman Spreckelsen
          (spre), Feuilleton

          Nachvollziehen lässt sich das heute nur noch unter Vorbehalt. Nicht weil Mund, Augen und Haltung der um 1520 gemalten Gestalt ihre Wirkung eingebüßt hätten. Aber Goethe sah das Bild in einem bestimmten Moment von dessen bewegter Geschichte, und wenn es heute nach langem Exil glücklicherweise wieder in Kassel hängt, dann ist es nicht mehr dasselbe – in optischer Hinsicht, aber auch was unsere Vorstellungen vom Maler und vom Gegenstand des Bildes angeht.

          Diese Geschichte zeichnet nun eine Ausstellung in der Kasseler Gemäldegalerie nach, die sich inzwischen nicht mehr in Kassels Innenstadt, sondern im Schloss Wilhelmshöhe befindet. Dafür nutzen die Kuratoren Justus Lange und Carina Weißmann einen einzelnen breiten Gang, der schließlich auf das Bild zuläuft. Den Anfang aber macht ein ausgestopfter Schwan – dies ein Hinweis auf die seit Goethes Besuch gewachsene Einsicht, dass die vermeintliche Caritas eigentlich eine Leda ist, der sich Zeus in Schwanengestalt näherte und zum Vater von zwei ihrer vier Kinder wurde: Helena und Polydeukes, während die anderen beiden, Klytaimnestra und Kastor, von Ledas menschlichem Gatten Tyndareos stammen.

          Wer war Giampietrino?

          Mit der Caritas traf es auch Leonardo: An seiner statt gilt inzwischen sein Schüler Giampietrino als Schöpfer des Gemäldes, das allerdings auf Entwürfe Leonardos zurückgehen soll. Auf Giampietrino liegt auch der erste Schwerpunkt der Ausstellung. Drei seiner Bilder sind auf der rechten Seite zu sehen, darunter eine hinreißend schöne Madonna an der Seite des heiligen Hieronymus, die den Künstler der Leonardo-Nachfolge entwachsen zeigt – das leicht Entrückte, das Schimmernde fehlt dieser Madonna, die sich statt dessen recht irdisch zeigt. Zugleich gilt diese erste Station den Leda-Versionen von Giampietrinos Zeitgenossen und dem Hinweis auf die Eierschalen, die zwei der vier Kinder nun begleiten, als hübscher Hinweis auf die zwar menschlichen, aber doch geschlüpften Säuglinge. Und es ist die Übermalung dieser Eierschalen, zusammen mit der nachträglichen teilweisen Einkleidung der nackten Leda, die sie schon beim Erwerb durch Kassels Landgrafen als Caritas erscheinen ließen.

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