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Leonardo in Paris : Er ist nicht da

Experten, Markt, Museen: In der Leonardo-Schau im Pariser Louvre steckt eine enorme Brisanz für das weltweite Geschäft mit Kunst.

          5 Min.

          Die Leonardo-Retrospektive im Louvre hat begonnen – ohne das heißest umstrittene Bild überhaupt, jenen „Salvator Mundi“, der nicht nur den Kunstmarkt, sondern auch die Experten in Atem hält, spätestens seit dem 15. November 2017. Da wurde die kleine Holztafel bei Christie’s in New York für 400 Millionen Dollar zugeschlagen; mit Aufgeld sind das 450,3 Millionen Dollar. Nach einer Welttournee und mit der Vorgabe, es handle sich um ein eigenhändiges Werk von Leonardo da Vinci. Es geschah in einer Cross-Over-Auktion mit zeitgenössischer Kunst, passenderweise neben einem „Abendmahl“ von Andy Warhol (das bei dieser Gelegenheit immerhin auf knapp 61 Millionen Dollar kam). Seither wurde der „Weltenretter“ nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Wie auch der Mann, der die singuläre Kampagne eingefädelt hatte, der Schweizer Loïc Gouzer, bald darauf von der Bildfläche des Markts verschwand. Einen Zusammenhang muss es nicht geben, eine Pointe ist das schon.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die Vorgeschichte hat es in sich: Zwei New Yorker Händler kauften 2005 das Bild in schlechtem Zustand in einem kleinen Auktionshaus in New Orleans für 1175 Dollar. Gereinigt und restauriert schaffte es das bis dahin für unbedeutend gehaltene Gemälde in die Ausstellung „Leonardo da Vinci. Painter at the Court of Milan“ 2011 in der National Gallery in London. Der Kurator Luke Syson schrieb es beherzt Leonardo als eigenhändig zu; eine Sensation war in der Welt. Die beiden Händler boten den „Salvator Mundi“ daraufhin, gestützt von der Expertise des Oxforder Leonardo-Kenners Martin Kemp, diversen Museen an, die aber nicht anbissen. Schließlich verkauften sie die Tafel für genannte achtzig Millionen Dollar an Yves Bouvier, einen Genfer Händler und Betreiber von Zollfreilagern. Bouvier flippte sie umgehend weiter zum aus Russland stammenden Multimilliardär Dmitri Rybolowlew, für 127,5 Millionen Dollar. Bouvier und Rybolowlew gerieten in juristischen Streit über Vermittlungsgebühren, nicht nur für dieses Bild. Sehr wahrscheinlich Rybolowlew selbst gab es 2017 zu Christie’s, versehen mit einer Erwartung von hundert Millionen Dollar; kein Risiko, mindestens dieser Preis war zuvor durch eine dritte Partei garantiert.

          Zunächst anonym, gilt inzwischen Kronprinz Mohammed bin Salman von Saudi-Arabien als Käufer, der Mann, der auch für die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi 2018 in Istanbul verantwortlich gemacht wird. Der „Weltenretter“ sollte dann im Louvre Abu Dhabi ausgestellt werden, von September 2018 an – was nie geschah. Wo er jetzt ist, weiß niemand. Auf der Yacht „Serene“ des Kronprinzen? Oder in einem Tresor in der Schweiz?

          In der Louvre-Schau gibt es eine bemerkenswerte Anordnung im letzten Saal: an der Stirnwand Leonardos „Anna Selbdritt“, begleitet von „Johannes dem Täufer“, beide im Besitz des Louvre, dazu der grandiose Londoner Karton der „Anna Selbdritt“. (Die „Gioconda“ hat man in der allgemeinen Sammlung gelassen, die Besucher können dort „Mona Lisa“ bewundern.) Im Saal hängt aber auch, flankiert von zwei eigenhändigen Detailstudien Leonardos zum „Salvator Mundi“ aus der Sammlung der britischen Königin, eine – wenig auratische – Variante des Motivs aus einer Privatsammlung, genannt die „Version Ganay“ nach ihrem früheren Besitzer, dem Marquis de Ganay, und bezeichnet schlicht als „Atelier Léonard de Vinci“; das Begleitheft sagt noch: von einem Schüler gemalt unter der Aufsicht des Meisters. Das Gefälle zwischen diesem Bild und den Meisterwerken außen herum ist immens. Der mysteriöse, von Sfumato überhauchte 450-Millionen-Dollar-Christus, auf den alle gewartet haben, ist (jedenfalls noch) nicht in Paris erschienen. Immerhin hat ihn der sehr kritische Leonardo-Kenner Frank Zöllner, bei allen Einwänden in Sachen unklarer Provenienz und problematischer Restaurierung, in seinem aktuellen Werkverzeichnis als „Werkstatt Leonardos, nach Entwurf Leonardos und mit Beteiligung Leonardos“ bezeichnet, ihm „ikonische Präsenz“ und „außerordentlich auratische Wirkung“ bescheinigt.

          Alles Nachfragen beim Louvre stößt auf eisernes Schweigen, keine Stellungnahme, nur so viel: Es gebe bis dato keinen Leihvertrag mit dem Eigentümer, aber den Kontakt zu einem intermédiaire, einer Mittelsperson. Ob das Bild doch noch in die Ausstellung kommen werde? Auch dazu entsprechend kein Kommentar; schon gar nicht, wie die Kuratoren des Louvre dessen Status einschätzen.

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