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Leonardo im Louvre : Alles fließt und wird nie fertig

Der Louvre zeigt nach Jahrhunderten der Verehrung einen überraschenden Leonardo. Plötzlich sehen wir dem Künstler bei der Arbeit zu. Für ihn war ein Bild nie vollendet.

          4 Min.

          Blockbusterausstellungen können trotz ihrer populären Ausrichtung immer dann bestechen, wenn sie ein überzeugendes und nicht zu abgegriffenes Thema haben. Ein solches zu finden ist bei Leonardo da Vinci nach Jahrzehnten intensiver Forschungsgeschichte eine Herausforderung. Insofern waren die Erwartungen an den Louvre groß, der zum fünfhundertsten Todestag des in Frankreich 1519 als Hofmaler Königs François I. Verstorbenen die zentrale Schau des Leonardojahres ausrichtet. Um es vorwegzunehmen: Es ist geglückt. Leonardo wird mit mehr als 160 Werken - mit neun seiner insgesamt nur fünfzehn Gemälde wie auch seinen Zeichnungen und Skizzenbüchern - als lebenslanger Arbeiter am Unvollendbaren präsentiert.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Dafür wurden seine Bilder kunsttechnologisch vom „Centre de recherche et de restauration“ des Louvre noch einmal genauestens durchleuchtet. Zu jedem gibt es die Röntgenaufnahme zu sehen und weitere fesselnde Analysen des Entstehungsprozesses. Wobei deutlich wird, dass Leonardos Erfindergeist und seine Experimentierfreude – zum Leidwesen der Restauratoren – mit einer oft unkonventionellen Malweise und heute prekären Erhaltungszuständen etwa bei den von ihm besonders favorisierten kupferhaltigen Grüntönen einherging. Sein berühmtes Sfumato wirkt auch deshalb so, als könne man durch ein Fenster in eine Welt hinter dem Bild blicken, weil er der Farbe zerstoßenes Glas beimengt. Ebenso können die Restauratoren nun belegen, dass die „Isabella d’Este“ als gezeichnetes Porträt gedacht war und nicht als vorbereitender Karton für ein Gemälde, sichtbar an der Qualität der eingesetzten Materialien und der Perfektion, mit der es auf dem größten damals verfügbaren Papierformat in Szene gesetzt wird.

          Konsequent wird die Bedeutung des Prozesshaften bei Leonardo entlang seines gesamten, chronologisch gezeigten Werks verfolgt. Das beginnt mit der Frage, was Leonardo eigentlich war. Schon ihn einen Maler zu nennen verbietet sich im Grunde, weil er sich selbst nicht als solchen sah, sondern als Universalkünstler. In seinen siebzehn Jahren am Mailänder Hof in Diensten der Sforza entstehen außer dem „Abendmahl“ nur fünf Gemälde, im Schnitt alle drei Jahre eines.

          Der Großteil seiner Produktion besteht aus Hebelgesetzstudien zur Fertigung und Aufrichtung eines monumentalen Reiterdenkmals für Francesco Sforza und vor allem aus ephemer vergänglicher Kunst wie dem prächtigen Paradiesesfest für den Herzogshof, Bühnenbildern oder minutiös choreographierten Feuerwerken – Kunst für den Augenblick, von der wörtlich nur Schall und Rauch blieb.

          Dass Leonardo insgesamt nur fünfzehn Gemälde schuf (den „Salvator mundi“ als teuerstes Bild der Welt halten die Experten des Louvre für nicht von dessen Hand und stellen deshalb nicht ihn aus, sondern zwei weitere Versionen des Salvator-Typus unter den Namen von Werkstattmitarbeitern), hat dabei vor allem einen Grund: Für ihn war ein Bild nie vollendet, alles hängt in einer Endlosschleife des ewigen Prozesses. Die meisten seiner wissenschaftlichen Zeichnungen, deren schönste – inklusive des nun doch im letzten Moment vom italienischen Staat ausgeliehenen Vitruvmanns – jetzt im Louvre zu sehen sind, zeigen, dazu passend, Wasser- und Blutkreisläufe, wirbelnde Winde und Überschwemmungen, die zerstören und doch im selben Moment wieder Neues entstehen lassen. Fortpflanzungsmechanismen bei Mensch und Tier war er ebenso auf der Spur wie frühen archäologischen Ausgrabungen etwa von etruskischen Grabhügeln, die wie schon seine Naturstudien mit verwelkenden und wieder aufblühenden Pflanzen für ihn den unausgesetzten Kreislauf von Werden und Vergehen symbolisieren.

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