https://www.faz.net/-gqz-p7h3

„Lenin on Tour“ : Ein Revolutionär rollt durch die Welt

  • Aktualisiert am

Achttausend Kilometer hat er zurückgelegt, quer durch Europa: auf der zugigen Pritsche eines Lastwagens. Wladimir Iljitsch Uljanow, Künstlername Lenin, wird von einem Künstler auf Tour geschickt.

          1 Min.

          Er soll etwas sehen von unserer Welt. Also schickt ihn der Künstler Rudolf Herz "on Tour". Achttausend Kilometer, quer durch Europa. Nicht in einem versiegelten Zug wie damals, 1917. Heute reist er - festgezurrt mit roten Bändern - auf der zugigen Pritsche eines Lastwagens, versteinert wie seine beiden Kameraden: Wladimir Iljitsch Uljanow, Künstlername Lenin.

          Aufgebrochen ist er in München, wo er 1902 die Schrift "Was tun?" verfaßt hat. Über Zürich, Turin, Rom und Wien ging es nach Prag. Auf dem Weg nach Bremen, wo er mit dem Senator für Kultur den 1. Oktober verbringen will, machte er gestern kurz Station in Frankfurt. Der Banken wegen.

          Von diesen hatte er gesagt: "In dem Maße, wie sich das Bankwesen und seine Konzentration in wenigen Institutionen entwickeln, wachsen die Banken aus bescheidenen Vermittlern zu allmächtigen Monopolinhabern an, die fast über das gesamte Geldkapital aller Kapitalisten und Kleinunternehmer sowie über den größten Teil der Produktionsmittel und Rohstoffquellen des betreffenden Landes oder einer ganzen Reihe von Ländern verfügen. Diese Verwandlung zahlreicher bescheidener Vermittler in ein Häuflein Monopolisten bildet einen der Grundprozesse des Hinüberwachsens des Kapitalismus in den kapitalistischen Imperialismus, und deshalb müssen wir in erster Linie bei der Konzentration des Bankwesens verweilen." Er verweilte. Lange blickte er auf die Skyline aus all den Türmen des Kapitals, blieb aber stumm. Es ist eine Weile her, da wollte Joseph Beuys dem toten Hasen die Bilder erklären. Nun zeigt Rudolf Herz Lenin das einundzwanzigste Jahrhundert. Und er fragt: "Wer erklärt es ihm?"

          Wir wissen es nicht. Denn auch wir verstehen es kaum. Lenin und seine namenlosen Mitfahrer entstammen einem Dresdner Denkmal, das der russische Bildhauer Grigorij Jastrebenetskij 1974 geschaffen hat und das 1991 beseitigt wurde. Damals hatte Herz vorgeschlagen, es demontiert an Ort und Stelle liegenzulassen, als "Lenins Lager". Nun hat er aus den Bruchstücken ein mobiles Denkmal gemacht und läßt den Gescheiterten durch unsere postkommunistische Gegenwart reisen. Nicht um Lenins willen, sondern um unsere Reaktionen auf diesen stummen Gast aus einer Vergangenheit aufzuzeichnen, in der noch ein utopischer Funke glomm. Am 3. Oktober - zum Tag der Deutschen Einheit - ist Lenin wieder in Dresden.

          Weitere Themen

          Nomadland räumt viermal ab Video-Seite öffnen

          Bafta-Awards : Nomadland räumt viermal ab

          Mit dem Triumph bei den Bafta-Awards hat der Film „Nomadland" seine Favoritenrolle bei den in zwei Wochen stattfindenden Oscars weiter gefestigt.

          Als der Bühnenbauer die Nase voll hatte

          Brecht und Neher : Als der Bühnenbauer die Nase voll hatte

          Eine tiefe Jugendfreundschaft verband Caspar Neher und Bertolt Brecht, die selbst durch die Mitwirkung des Bühnenbauers an der NS-Propaganda nicht bröckelte. Der Bruch kam später, wie bislang unbekannte Briefe zeigen. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.