https://www.faz.net/-gqz-78yx8

Lenbachhaus München : Die goldene Versöhnung

  • -Aktualisiert am

Wie der „Blaue Reiter“ schließlich das Kunstverständnis veränderte, führt vielleicht kaum ein Bild so erzählerisch vor Augen wie Gabriele Münters „Im Zimmer“ von 1913, dem ein zentraler Platz in der neuen Hängung eingeräumt wurde: Ein Mädchen sitzt auf einem grünen Sessel, versunken in die Lektüre eines Textbogens, während die Bilder um sie herum ein Eigenleben zu führen scheinen. Sie bevölkern die Wände, den Boden, selbst das Teppichornament scheint sich wie ein Drache zu erheben. Es ist, so weiß man inzwischen, Münters elfjährige Nichte, die dort sitzt, die Bilder auf dem Boden, das Porträt und die Ansicht einer afrikanischen Skulptur hatte sie selbst gemalt. Gabriele Münter verwahrte sie in ihrem Nachlass, wo sie bis heute geblieben sind. Kein Stil eint den Bilderkosmos, in dem das junge Mädchen sitzt, keine Blickhierarchie leitet den Betrachter an, dem einen Bild mehr Wert beizumessen als dem anderen. Und eben für diese Öffnung, für die Anerkennung dieses Reichtums trat der „Blaue Reiter“ ein: Volkskunst, Hinterglasmalerei, Kinderzeichnungen, das Mittelalter, die Kunst der sogenannten „Primitiven“, der japanische Holzschnitt - aus allem wollten sie schöpfen, Künstler wie Künstlerinnen, um eine neue Bildsprache zu finden.

Kunst und höhere Erkenntnis

Auch daraus hat man bei der Neuhängung die Konsequenzen gezogen. Kandinsky und Marc haben zwar einen eigenen Raum erhalten, aber ihr Werk bildet keine Insel, Blickachsen verbinden den „Blauen Reiter“ mit dem Symbolismus oder der Neuen Sachlichkeit. Die Räume sind bunt gestrichen, fliederfarben, ocker, graublau, Kandinskys Werke der expressiven Abstraktion aus den Jahren 1911 bis 1914 hängen vor schwarzem Seiden-Moirée. Zum Vorbild hat man sich die dunklen Wandbehänge genommen, mit denen 1911/12 die Räume der Galerie Thannhauser für die erste Ausstellung des „Blauen Reiters“ verkleidet worden waren.

Vor mehr als hundert Jahren träumte Kandinsky selbst von einem neuen Museum. In „Über das Geistige in der Kunst“ von 1912 wollte er die Kunst hinter sich lassen, die beschriftet, benannt und erklärt werden müsse: „Alles ist sorgfältig in einem Buch gedruckt: Namen der Künstler, Namen der Bilder. Menschen haben diese Bücher in der Hand und gehen von einer Leinwand zur andern und blättern und lesen die Namen. Dann gehen sie fort, ebenso arm oder reich, wie sie eintraten.“

Kandinsky selbst glaubte, eine Kunst zu schaffen, die den Betrachter zur höheren Erkenntnis führe, zum Sehen von Musik oder geistigen Welten. Abstraktion hieß einer seiner Wege dorthin, er war nicht der Einzige, der ihn beschritt, in ganz Europa arbeiteten Künstler daran, im fernen Schweden etwa Hilma af Klint. An dem Anspruch, selbsterklärend zu sein, musste Kandinsky scheitern. Seine Gemälde sind häufig nicht weniger erklärungsbedürftig als die übrige Kunst seiner Zeit. Der Wert jedoch, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ist unbestritten.

Das neue Lenbachhaus unternimmt das Bestmögliche, damit wir reicher gehen können, als wir gekommen sind, und damit wir die Einladung, den wilden Reichtum der Sammlung kennenzulernen, annehmen. Den Besucher führt ein Holzboden durch das Haus, von der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Durch ein neues System scheint natürliches Licht vorzuherrschen, die Räume muten privat an, ohne beengt zu wirken. Im Eingang schraubt sich eine Lichtskulptur von Olafur Eliasson von der Decke, die an die Lampenentwürfe des venezianischen Universalkünstlers Mariano Fortuny erinnert. Zwischen Künstlerfürst und Avantgarde ist Frieden eingekehrt. Den Gewinn hat der Besucher.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.