https://www.faz.net/-gqz-9zkf8

Max-Klinger-Ausstellung : Lust und List des Monumentalen

Max Klingers Gemälde „Die Sirene“, 1895 Bild: akg-images

Endlich wirklich geöffnet: Die Leipziger Jubiläumsschau zu Max Klinger, der mit seinen Werken, aber auch mit seiner Begeisterung für Rodin Epoche gemacht hat.

          4 Min.

          Das nennt man wohl Glück im Unglück: Wenn ein Museum schließen muss, gehen auch die Lichter aus, die Werke bleiben im schonenden Dunkel, und so kann jetzt der spektakulärste und zugleich sensibelste Teil der großen Leipziger Ausstellung „Klinger 2020“ zum hundertsten Todestag von Max Klinger über die ursprüngliche Leihfrist hinaus verbleiben und somit die ganze Schau um jene Monate verlängert werden, die sie versäumt hat. Denn nur wenige Tage im März war sie überhaupt zu besichtigen, ehe bleierne neun Schließwochen folgten, die nun endlich enden. Statt nur bis zum 14. Juni läuft die nun wiedereröffnete Ausstellung jetzt also bis zum 16. August. Es wäre aber auch ein Jammer gewesen angesichts der Mühe, die sich das Museum der bildenden Künste zu Ehren Klingers gemacht hat, der vor der Etablierung von „Leipziger Schule“ und „Neuer Leipziger Schule“ geradezu künstlerisches Alleinstellungsmerkmal der Stadt war – der eine Generation jüngere Max Beckmann wurde zwar in Leipzig geboren, hat hier aber nie entscheidend gewirkt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Klingers Einfluss zu Lebzeiten ist gar nicht zu überschätzen; er war eine Zentralgestalt der europäischen Kunstszene um die Jahrhundertwende, am bekanntesten ist natürlich die Teilnahme mit seiner gigantischen Beethoven-Skulptur an der Ausstellung der Wiener Secession des Jahres 1902, für die Gustav Klimt seinen berühmten Beethoven-Fries schuf – damals nur als Rahmen für Klingers Monument, das heute das Herzstück der Sammlung des Leipziger Museums ist und damit zwingend auch das der Ausstellung. Nicht nur weil wir derzeit viel mehr noch als das Klinger- das Beethoven-Jahr begehen, sondern vor allem weil man Kunst von fast fünf Tonnen Gewicht nicht einfach mal so bewegt.

          Beethoven überlebensgroß und fast fünf Tonnen schwer: Klingers Mixed-Media-Bildhauerspektakel von 1902

          Steht man in der eigens dafür bodenverstärkten Riesenhalle im ersten Obergeschoss des Museums, könnte man meinen, Klingers Werk setzte allein auf Pathos. Rechts hängt sein Monumentalgemälde „Christus im Olymp“ (inklusive plastischer Elemente), links eine kaum weniger große Kreuzigung, die das Publikum des Fin de Siècle durch Christi Nacktheit schwer verstörte, hinten lockt die laszive „Blaue Stunde“, deren Erwerb noch zu Klingers Lebzeiten den Ankaufsetat des Museums gleich für mehrere Jahre beansprucht hatte. Dazwischen stehen die veristisch-polychromen und trotzdem unnahbar wirkenden Büsten von Kassandra und Salome. Aber dreht man sich um, schaut man zurück auf eine einsame Plastik im weiten Foyer des Obergeschosses, die in erhabener Nacktheit von draußen auf den nur notdürftig verhüllten lauernd kauernden Beethoven zuzuschreiten scheint: Rodins Johannes der Täufer, eine der wichtigsten Bildhauerarbeiten der Moderne. Den Ankauf dieses Gusses für Leipzig hatte Klinger 1911 eingefädelt, denn er war ein Bewunderer Rodins, dessen Bekanntschaft er 1900 gemacht hatte. Fortan war Klinger einer der engagiertesten Vermittler des französischen Künstlers in Deutschland.

          Vor allem schätzte er dessen zeichnerisches Werk, das er bereits 1908 für eine Ausstellung ans Leipziger Museum vermittelt hatte, mit einer Auswahl von mehr als hundert Zeichnungen, von denen neunzehn nun wieder ins Haus zurückgekehrt sind, aus dem Musée Rodin in Paris. Allein schon die schiere Zahl ist eine Sensation, denn nach monatelanger Präsentation bedürfen Aquarelle wie diese jahrelanger konservatorischer Erholung. Die überaus großzügige Ausleihe ist also auch ein französischer Respekterweis an die Bedeutung Max Klingers.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ziemlich voll schon wieder: Strandkörbe stehen am Strand von Westerland.

          Bundesregierung rät : Besser gar nicht in den Urlaub fahren

          Übervolle Strände, wildes Campen und zahlreiche Ordnungswidrigkeiten: In Norddeutschland kämpfen Ferienorte und Sicherheitsdienste um die Einhaltung der Abstandsregeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.