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Ausstellung in Leipzig : Genius im Weltenbrand

Die vergessene Sensation: Leipzig erinnert mit einer großartigen Schau an die gescheiterte Weltausstellung des Druckgewerbes, die vor hundert Jahren am Kriegsausbruch scheiterte.

          Am 31. Juli 1914 beobachtete das „Leipziger Tageblatt“ auf der Bugra, der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik, „wie für einige Stunden politische Fragen das Interesse an den Kulturdarbietungen ausschalten konnte“. Es war der Tag vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs, und aus den „einigen Stunden“, die der Frage nach Krieg oder Frieden gewidmet waren, wurden 79 Tage: bis zum Ende der Leipziger Bugra.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Besucherzahlen brachen ein, die Pavillons der nunmehrigen Kriegsgegner Russland, Frankreich und Großbritannien schlossen, und am Ende stand ein Minus von einer halben Million Reichsmark für die Stadt Leipzig als Ausrichterin, weil der Kriegsausbruch erwartete Einnahmen von 1,25 Millionen gekostet hatte.

          Dabei war im Mai alles so gut losgegangen. 22 Nationen hatten Aussteller nach Leipzig geschickt, nur vier weniger, als drei Jahre zuvor auf der Weltausstellung von Brüssel vertreten waren. Und in der Tat hatte die Bugra den Anspruch einer Weltausstellung, wenn auch allein aufs Druckgewerbe bezogen. Auf dem Messegelände beim erst im Oktober des Vorjahres eingeweihten Völkerschlachtdenkmal - die französischen Aussteller traten unter Protest an - gab es nicht nur Länderpavillons, sondern auch das bei Weltausstellungen übliche Vergnügungsareal mit Jahrmarktsattraktionen und kulinarischen Köstlichkeiten rund um den Globus.

          Ausstellung musste dem Exerzierfeld weichen

          2,3 Millionen Besucher kamen insgesamt, zwei Millionen davon aber eben vor Kriegsausbruch. Danach stand niemandem mehr der Sinn nach Vergnügungen, statt Unterhaltung gab es nun „vaterländische Abende“. Nach Schließung der Schau am 18. Oktober wurden die meisten Bauten eilends abgerissen, um Platz für ein Exerzierfeld zu schaffen.

          Wie die als völkerverbindend gedachte Bugra, die von ihrem Präsidenten Ludwig Volkmann mit der Bemerkung eröffnet worden war, in Zukunft werde Druckerschwärze statt Pulverdampf die Welt regieren, zum Opfer des Krieges wurde, dokumentiert jetzt eine hervorragende Ausstellung im Deutschen Buch- und Schriftmuseum, das der Leipziger Nationalbibliothek angegliedert ist.

          Was der rasche Abriss im Jahr 1914 übrig ließ, kam damals in die Bestände dieses Hauses. Am 4. Dezember 1943 brannte in einer Bombennacht des nächsten Weltkriegs das Museum aus. Was überlebt hat, ist nicht selten angesengt. Das originale Wachssiegel von Johannes Gutenberg, das ein Glanzpunkt der Bugra war, schmolz in jener Nacht. Doch seine Holzschachtel ist erhalten geblieben.

          Kulturgeschichtliche Lehrstunde

          Statt 400 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche wie ehedem auf der Bugra stehen jetzt nur zweihundert zur Verfügung. Und doch gelingt ein Parcours, der etwas von der Universalität der heute vergessenen Schau des Jahres 1914 vermittelt. Da gibt es Relikte der Manuskript-, Einband- oder druckgeschichtlichen Ausstellungen, die auf der Bugra gezeigt wurden, und Spolien eines seinerzeit nachgebauten chinesischen Gelehrtenhauses.

          In einer „Halle der Kultur“ war die Geschichte des Buchwesens völkerübergreifend präsentiert worden. Der großartige Betonkuppelbau steht noch - als eines der letzten sichtbaren Bugra-Zeugnisse -, doch er beherbergt einen Clubbetrieb. Die Fotografin Marta Pohlmann-Kryszkiewicz hat sich auf die Spuren des Bugra-Geländes begeben, die gegenwärtige Schau zeigt neun ihrer Bilder.

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