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Bernini-Ausstellung in Leipzig : Auge in Auge mit acht Päpsten

Als die Bedeutung dieser Blätter vor hundert Jahren erkannt wurde, hatten sie schon Jahrhunderte im Bestand des Museums geschlummert. Jetzt ist in Leipzig erstmals eine Ausstellung dem zeichnerischen Schaffen des Barock-Genies Bernini gewidmet.

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          In den Archiven und Depots unserer Museen schlummern unglaubliche Schätze. Und immer noch zu wenige Häuser besinnen sich in Zeiten knapper Kassen auf diese ureigenen Stärken - nicht etwa, um sie zu verkaufen, sondern um sie uns zu zeigen, zumal deren Präsentation zu Ausgangspunkten eines Leihverkehrs mit anderen Sammlungen werden kann, der die Verwirklichung weiterer Projekte erleichtert. Von der Begeisterung des eigenen Publikums ganz zu schweigen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Im Leipziger Museum der Bildenden Künste ist gerade eine Ausstellung eröffnet worden, die auf exemplarische Weise vorführt, wie so etwas gemacht werden kann. Dort wird der hauseigene Bestand an Bernini-Zeichnungen ausgestellt. Das klingt erst einmal nicht besonders spektakulär, und als die Blätter 1714 vom Rat der Stadt für dessen öffentliche Bibliothek von einem römischen Händler erworben wurden, wusste man gar nicht, was man da bekam. In einem Klebeband versammelt, der nur winziger Teil eines riesigen Ankaufs von Kuriositätendarstellungen war, dauerte es bis 1913, ehe die Bedeutung des Bestands erkannt wurde. Wenn man weiß, dass Giovan Lorenzo Bernini (1598 bis 1681) die prägende künstlerische Persönlichkeit im Rom der Barockzeit war und für acht verschiedene Päpste, zahllose italienische Kardinäle sowie den französischen Sonnenkönig gearbeitet hat, dass aus den mehr als sechs Jahrzehnten seiner Karriere als Bildhauer, Architekt und Maler gerade einmal um die dreihundert Zeichnungen erhalten sind und davon mehr als ein Drittel in Leipzig liegen, dann ist klar, dass deren Präsentation das Potential zu einer Sensation hat.

          Mit frischem Blick

          Dass sie nun tatsächlich eine geworden ist, verdankt sich jahrelanger Vorbereitung durch die Leipziger Kuratorin Jeannette Stoschek, die auch akribisch die Erwerbsgeschichte des Konvoluts erforscht hat, obwohl dabei immer noch einiges im Dunkeln ist, weil die entsprechende Korrespondenz im Zweiten Weltkrieg verbrannte. Die Zeichnungen selbst überlebten nur, weil sie in einem Stahlschrank aufbewahrt worden waren.

          Da das Bernini-Konvolut schon einmal, 1980, Gegenstand einer großen Ausstellung im Museum war (die damals aber aus politischen Gründen weder international angemessen beachtet noch bestückt werden konnte), ist nun besondere Sorgfalt darangesetzt worden, nicht einfach die damaligen Erkenntnisse zu reproduzieren, sondern völlig neu an den Bestand heranzugehen: von der teilweisen Restaurierung über die Erschließung in einem atemraubenden Katalog bis hin zur Ergänzung durch fast hundert Leihgaben, wodurch die Ausstellung zur größten wird, die sich jemals Berninis zeichnerischem Werk gewidmet hat. Was allein das britische Königshaus und die Wiener Albertina aus ihren jeweiligen Sammlungen nach Leipzig entliehen haben, ist unglaublich, und auch die römischen Sammlungen, vom Vatikan bis zur Galleria Borghese, haben Rarissima freigegeben - teilweise erst wenige Tage vor der Eröffnung wie im Falle von Berninis frühem Selbstporträt um 1623, dem einzigen eigenhändigen Gemälde in der Ausstellung, oder dem späten bronzenen Bildnistondo von Papst Clemens X. aus dem Jahr 1670, der auf Porträtsitzungen beruht, von denen Leipzig die einzige überlieferte Zeichnung besitzt.

          Berninis Neider triumphierten schon

          Und was bietet das Blatt für ein brillantes veristisches Profil dieses Papstes, der schon bei seiner Wahl die achtzig überschritten hatte! Bernini, selbst damals bereits über siebzig, schenkte ihm in der Zeichnung nichts, während der Pontifex im Bronzemedaillon zum kerngesunden, willensstarken Kirchenfürsten verklärt wurde. Das ist ein Beispiel dafür, was das zeichnerische Werk großer Meister so bedeutsam für unser kunsthistorisches Verständnis macht. Wir schauen am Beispiel Berninis nicht nur dem „Erfinder des barocken Rom“, wie die Ausstellung betitelt ist, über die Schulter, wir blicken auch in und hinter die Kulissen einer Epoche, die den prunkvollen Schein umso konsequenter zu ihrem Signum erhob, desto fragwürdiger die Papst-Herrschaft wurde. Mit Urban VIII. und Alexander VII. hatte Bernini zwei Gönner auf dem Petristuhl, die an den Glanz des Roms der Renaissance anknüpfen wollten und in dem Künstler den geeigneten Mann dafür fanden.

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