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Lee Krasner in Frankfurt : Angst kannte sie nicht

Sie ist die Königin des abstrakten Expressionismus: Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt zeigt Hauptwerke der amerikanischen Künstlerin Lee Krasner.

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          Von heute an hängen in der Frankfurter Schirn Bilder von Lee Krasner. Es ist die erste Retrospektive dieser Pionierin des Abstrakten Expressionismus nach mehr als fünfzig Jahren in Europa. Sie umfasst ein halbes Jahrhundert von Krasners Schaffen, von frühen Selbstporträts der zwanziger Jahre über raumbesetzende Großformate bis hin zu den ingeniösen Collagen der Siebziger. Entlang der zurückhaltend getönten Wände hat die Kuratorin Ilka Voermann mit ruhiger Hand die Werkgruppen gehängt. Sie verdichten sich zu einem energetischen Sturm, dem man betrachtend und staunend standhält.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wer also war Lee Krasner? Was Amerikanischer Expressionismus heißt, firmierte die längste Zeit als reine Männerdomäne in der Kunstgeschichte. Seit einigen Jahren kehrt ins allgemeine Bewusstsein zurück, was in den Fünfzigern schon einmal bekannt war: dass neben Männern wie Barnett Newman oder Mark Rothko, Willem de Kooning oder Jackson Pollock wenige, aber einflussreiche Frauen eminenten Anteil daran hatten. Über Lee Krasner heißt es notorisch, dass sie die Frau von Pollock war, dem berühmten Erfinder des Action Painting, Vollstrecker der All-over-Malerei in seinen Drip Paintings. Das ist insofern richtig, als sie sich bis zu Pollocks Tod bei einem Autounfall 1956 bewusst dafür entschied, den alkoholkranken, unberechenbaren Künstler in seinem Arbeiten zu unterstützen. Es ist aber falsch, wo Krasner in ihrem eigenen Schaffen zu bewerten ist, das sie, ständig im Austausch mit Pollock, nie ganz aufgab.

          „Diese Studentin ist eine Plage“

          Geboren wurde sie als Lena Krassner 1908 im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Ihre Eltern waren im selben Jahr vor der Judenverfolgung aus der Ukraine geflohen. Als sie 1984 in New York starb, gehörte sie, neben Helen Frankenthaler oder Joan Mitchell, eben zu den Künstlerinnen, die maßgeblich die erste Generation des Abstrakten Expressionismus in Amerika mitprägten und die so wenig stilistisch über einen Kamm zu scheren sind wie die Männer. Die europäische Avantgarde stand auch an der Wiege von Krasners OEuvre, Cézanne und Van Gogh, vor allem Picasso und Matisse fließen da in Metamorphosen immer wieder ein.

          Lee Krasner begann 1926 ihre Ausbildung an der Women’s School der Cooper Union, wechselte dann zur National Academy of Design. Sie galt als aufsässig; „diese Studentin ist eine Plage, besteht auf ihrem eigenen Willen“, verzeichnet ihre Akte. Streitlustig, sarkastisch – und brillant wird sie ihr Leben lang sein; im Katalogbuch sind ihre Vita und ihre Karriere sehr schön nachzuvollziehen. Als sie 1937 ein Stipendium für die School of Fine Arts von Hans Hofmann, der aus Deutschland über Paris nach New York gekommen war, erhielt, brach sie in die Abstraktion auf. In ihren Zeichnungen löste sie akademische Akte in kubistische Exerzitien à la Picasso oder Braque auf.

          Im Jahr 1945 heiratete sie Pollock und zog mit ihm nach Springs in Long Island. Dort musste sie sich zunächst auf „Little Images“ beschränken. Sie legte kleine Leinwände auf den Tisch oder den Boden und füllte sie mit Ölfarbe – nicht mit Acryl, das sie „undurchlässig, dicht, so tot wie einen Nagel“ findet –, zu gleichsam glitzernden zauberischen Oberflächen. In den Fünfzigern traute sie sich weiter, hin zu explosiven Collagen-Bildern mit einer Art Color Blocking in vegetabilen Formen. Wie stark sie als Koloristin ist, wird spätestens da klar. Ihr nächster Schritt führt sie zu Gemälden wie „Prophecy“ von 1956, kurz vor Pollocks Tod: eine Etüde in Semi-Abstraktion, fleischfarbene Verschlingung und Reminiszenz an Picassos „Demoiselles d’Avignon“.

          Im Jahr 1957 bezog sie Pollocks Scheunen-Atelier. Nun konnte sie große Formate malen; Angst vor der nackten Fläche hatte sie nicht. Aber sie litt unter Schlafstörungen, es entstanden nächtliche Bilder, die „Night Journeys“. Sie erkannte, dass sie Farbtöne wählen muss, die das Tageslicht nicht kaputt macht; Umbra ist so ein Ton. Auf „Polar Stampede“ von 1960, was Ansturm oder Flucht meinen kann, sprüht auf mehr als vier Meter Breite eine Gischt aus Pinselhieben – keinesfalls unkontrolliert, eine kühne Vermessung des Bildraums. Wie eine Befreiung können die Großformate der Sechziger erscheinen; die Farbe kehrt zurück, Lee Krasner nennt die Bilder „Primary Series“. Da ist „Portrait in Green“ von 1969, ein Wirbel, in dessen Zentrum ein Gesicht erscheint, vielleicht. Immer wieder tauchen figürliche oder ornamentale Momente auf. Im Riesenformat „Combat“ krachen Pink und Orange im Farb- und Formrausch zusammen. Krasners Kunst ist eine körperliche geworden, in jeder Hinsicht. Und noch einmal setzte sie in den Siebzigern an: Schon immer hatte sie eigene Arbeiten zerstört. Jetzt zerschnitt sie alte Zeichnungen und setzte die Fragmente zu Collagen von hohem Reiz zusammen – ironische Hommagen an das Zufalls-Credo der Surrealisten, ästhetisches Kalkül inklusive.

          In Lee Krasners Schaffensphasen wird auch eine Lebensgeschichte ablesbar, deren Konsequenz, eingebettet in die Avantgarde, gerade in den wiederholten Richtungswechseln liegt. Dass die Schirn jetzt ihre Werke gleichzeitig mit denen der norwegischen Webkünstlerin Hannah Ryggen zeigt, ist ein Glücksfall: zwei Künstlerinnen, die derselben Generation angehörten und so völlig verschiedene Wege beschritten, die eine im Norden Europas, die andere im Osten der Vereinigten Staaten. Doch in ihren frühen prägenden Vorbildern, allen voran Picasso und Matisse, sind sie vereint – zu einer spannungsvollen Konfrontation der sehr speziellen Art.

          Lee Krasner. In der Schirn Kunsthalle, Frankfurt; bis zum 12. Januar 2020. Danach im Zentrum Paul Klee, Bern, vom 7. Februar bis zum 10. Mai 2020, und im Guggenheim Museum, Bilbao, vom 29. Mai bis zum 6. September 2020. Der Katalog im Hirmer Verlag, den es in deutscher und in englischer Sprache gibt, kostet in der Schirn 35 Euro, im Buchhandel 45 Euro.

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