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Lebeck-Fotos in Wolfsburg : Der Polizist mit den drei Händen

Robert Lebecks Fotos erzählen in Wolfsburg andere Geschichten von 1968. Seine Bilder zeigen unscheinbare Momente – aber auch weltbewegende Ereignisse.

          4 Min.

          Ein Bewegungsprofil des „stern“-Fotografen Robert Lebeck würde für das Jahr 1968 einen Stern mit vielen kurzen Zacken im Osten und Süden und zwei langen Ausschlägen nach Westen ergeben. Im März kehrt Lebeck nach zweijähriger Entsendung aus den Vereinigten Staaten nach Hamburg zurück. Im April reist er nach Prag und Venedig, im Juni nach New York, Kassel und Wolfsburg, im August nach Bogotá, im Oktober nach Berlin, im November nach Belfast. Er fotografiert den Papst, die Knef, die trauernden Kennedys, Joseph Beuys, Curd Jürgens und Diana Rigg. Berufsroutine, Auftragsarbeiten eines Profis. So hat es auch Lebeck gesehen. Das Jahr der Studentenunruhen, schreibt er in seinen Lebenserinnerungen von 2004, habe ohne ihn stattgefunden: „Während Studenten vor dem Springer-Hochhaus demonstrierten, fotografierte ich die Taufe von Hildegard Knefs Kind.“ Andere hätten die verpasste Gelegenheit bedauert. Robert Lebeck nicht.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die postume Lebeck-Ausstellung – der Fotograf starb im Juni 2014 – im Kunstmuseum Wolfsburg behauptet jetzt das Gegenteil. Lebeck, suggeriert schon der Titel, hat 1968 eben doch ins Bild gefasst: nicht die Studenten, nicht den Pariser Mai, nicht die russischen Panzer in Prag; aber alles andere. Die Stimmung, das Flair, die Aura eines Jahres. All das, was sich in Worten schlecht, mit Fotos dafür um so besser ausdrücken lässt. Das stärkste Argument für die These der Kuratoren liefert gleich die erste Bilderserie. Anfang April 1968 fährt Lebeck nach Prag. Er nimmt Arbeiterinnen in der Rauchpause auf, Zeitungsleser, Demonstranten am Hradschin. Und er trifft Gretchen und Rudi Dutschke. Dutschke ist in die Tschechoslowakei gekommen, um vor Studenten der Karls-Universität über die Reform des Sozialismus zu sprechen. Die Skepsis, die aus Dutschkes Sätzen tönt, wird durch Lebecks Fotos konterkariert. Sie baden in Licht. Der Prager Frühling strahlt auf den Gesichtern. Das Land träumt vom Neubeginn, und Lebeck ist dabei. Aber seine Bilder gelangen nie auf die Seiten des „stern“. Am 11. April wird Rudi Dutschke in Berlin angeschossen, die Fotostory aus Prag ist Geschichte: Archivmaterial.

          Von Käfern in Wolfsburg bis zum Begräbnis Kennedys

          Die nächsten Aufnahmen der Ausstellung stammen aus Deutschland. Anfang Juni fotografiert Lebeck geschiedene Frauen für eine „stern“-Artikelserie. Sein Lieblingsmotiv ist eine Dolmetscherin mit ihrer Tochter: zwei Blondinen in Shorts und kurzem Rock, hochbeinig, schlank, ein Augenfutter für Magazinleser. Die Serie erzählt von Emanzipation, die Optik von Männerphantasien. Die Blattplanung will es, dass Lebecks Bildstrecke erst vier Wochen nach der Wolfsburg-Reportage erscheint, für die er Ende Juni mit einem Kollegen in die Autostadt gereist ist. Auch hier widersprechen seine Fotos dem Tenor des Artikels. Die Story („Wehe, wenn der Käfer stirbt“) handelt von Wirtschaftswunder und Spießeridylle, Lebeck dagegen zeigt eine Stadt im politischen Umbruch. Jugendliche demonstrieren bei einer Bundeswehr-Vereidigung für den Frieden, andere reinigen die Gräber der in Wolfsburg gestorbenen Zwangsarbeiter. Die „stern“-Redaktion versteht das Foto nicht und verpasst ihm den falschen Bildtext: Nun werden darauf „die Gräber der Wolfsburger Pioniere“ gepflegt.

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