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Interview mit Laura Poitras : Whistleblower im Whitney Museum

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Für ihren Film über Edward Snowden bekam Laura Poitras einen Oscar. Jetzt zeigt das Whitney Museum in New York ihre Arbeiten. Ein Gespräch über Massenüberwachung, die Macht des „deep state“ und acht Minuten, die ihr Leben veränderten.

          Was Laura Poitras widerfahren ist, dürfte in seiner Widersprüchlichkeit einmalig sein. Die politische Filmemacherin wurde nach einem Irak-Aufenthalt 2006 von der amerikanischen Regierung als terrorverdächtig eingestuft. In den folgenden sechs Jahren wurde sie mehr als vierzig Mal an Flughäfen festgehalten und verhört, einmal wurde ihre elektronische Ausrüstung beschlagnahmt. Um weiterhin frei arbeiten zu können, verließ sie Amerika und lebte ein paar Jahre in Berlin, wo sie von Edward Snowden kontaktiert wurde, über den sie dann einen Dokumentarfilm drehte: „Citizenfour“. Wenn alles ein bisschen anders gekommen wäre, hätte sie im Gefängnis landen können. Stattdessen gewann sie für ihre Mitarbeit an Snowdens Veröffentlichungen einen Pulitzer-Preis und für „Citizenfour“ einen Oscar. Und jetzt noch ein Ritterschlag: Am Freitag eröffnete ihre erste Museums-Soloausstellung im New Yorker Whitney Museum, sozusagen dem Olymp zeitgenössischer amerikanischer Kunst. Einen Tag vorher sitzt sie in der Büroetage des Whitney, wie immer schwarz gekleidet, freundlich-fester Händedruck. Sie wirkt extrem entspannt und hochkonzentriert, und falls das ein Widerspruch sein sollte, hat sie diesen an diesem Nachmittag aufgelöst.

          Als ich gehört habe, dass Sie eine Museumsausstellung haben, dachte ich, oh nein, das ist ja, als würde man Ihnen die Zähne ziehen. So eingemeindet in einen Kanon, so ... brav.

          Aber das würde ich doch nicht zulassen. Natürlich war das Ziel, im Museum eine ähnliche Erfahrung zu ermöglichen wie mit meinen Filmen, nämlich emotionale Bezüge herzustellen, bestenfalls Empathie, und Menschen auf diese Weise Zugang zu Themen zu verschaffen, über die sie sonst möglicherweise nicht so viel nachdenken.

          Als ich die Ausstellung gesehen habe, habe ich meine Meinung geändert. Gleich der erste Raum: eine Leinwand, auf der vorne Menschen zu sehen sind, die ungläubig und voll Trauer auf die Stelle blicken, an der damals bis vor kurzem das World Trade Center stand. Auf der Rückseite derselben Leinwand: US-Militärverhöre zweier arabisch aussehender Terrorverdächtiger, die dann nach Guantánamo kamen. Es hat eine ziemliche Wucht, diese ja zusammenhängenden Ereignisse so dicht beieinander zu sehen. Es ist auch ziemlich traurig.

          Ich habe gehofft, dass diese Installation eine Art Schock schafft. Auf der einen Seite Unverständnis, Trauer, Schmerz, lauter zutiefst menschliche Reaktionen. Auf der anderen Seite dann dieser Albtraum. Das ist wie ein Filmschnitt, nur dass der Zuschauer selbst ihn tätigt, indem er ein paar Schritte geht.

          Im nächsten Raum können die Besucher auf dem Rücken liegend die Decke betrachten, wo unter anderem der gefilmte Nachthimmel über dem Jemen zu sehen ist. Erst sieht es nur schön aus, Sterne, dann wird einem klar, da fliegen Drohnen, und die sehen ja in erster Linie zurück. Das fühlt sich dann ungemütlich an. Später in der Ausstellung wird man Aufnahmen einer Wärmekamera zu sehen bekommen, wie man da lag. Dann wird es noch ungemütlicher.

          Ich wollte etwas über den Drohnenkrieg sagen. Und ich wollte, dass das Publikum verletzlich wird und dadurch offen. Man erwartet ja nicht, in einem Museum zu liegen, im Dunkeln, das macht etwas mit einem. Ich schaffe emotionale, verstörende Erfahrungen, und ich nutze filmische Mittel, dies zu erreichen.

          Sie waren Köchin, haben in Boston in einem französischen Restaurant gekocht. Dann haben Sie Film studiert und einen ersten Dokumentarfilm gemacht, in dem es um Gentrifizierung ging. Dann kam der 11. September. Wie hat es Sie verändert?

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