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Laudatio auf Barbara Klemm : Die Demokratin der Fotografie

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Jedes ihrer Bilder ist eine Elegie auf die handelnden Personen und die Umstände, die nie wiederkehren. Am Sonntag ist Barbara Klemm, die frühere Fotografin dieser Zeitung, in den Orden Pour le mérite aufgenommen worden. Die Laudatio von Durs Grünbein.

          5 Min.

          Es gibt die Fotografie als Privatangelegenheit, täglich Millionen Bilder ausscheidend, von denen die meisten kein zweites Mal angesehen werden. Es gibt sie als informative, mediale Gebrauchsform - keine Zeitung ohne ihr tägliches Titelbild. Oder als Werbefotografie, Vehikel der Moden, Stars und Produkte, sogar an der Bushaltestelle vor der Haustür, als Bilderfassade am Potsdamer Platz.

          Es gibt sie als Kunstform, Konkurrentin der Malerei und oft ihre Stichwortgeberin, an Ausdrucksreichtum ihr selbstbewusst gegenüberstehend - eine Kunst, die, nebenbei bemerkt, zu den Originalbeiträgen dieses Zeitalters gehört, an den Kunstakademien ist sie ein eigenes Studienfach. Und schließlich gibt es sie als das Metier des Augenzeugen mit der Kamera, jenes seltenen unaufdringlichen Beobachters, der im rechten Moment am Rand der Ereignisse auftaucht und zugreift, ein Purist seiner Zunft, der nichts arrangiert, nichts computertechnisch veredelt, und am Ende gerade dadurch das Kostbarste vom Aussterben bedroht.

          Für sie steht der Name Cartier-Bresson stellvertretend. Barbara Klemm hat die Qualitäten der Magnum-Ästhetik, aber auch die mit ihr verbundene Moral eines respektvollen Menschenbildes, nach Deutschland gebracht. Sie kann sich zu Recht auf das große Vorbild berufen, wenn sie sagt, als Fotograf müsse man immerfort in Bewegung bleiben. Kein Kollege ihres Formats ist in den letzten vierzig Jahren so viel auf Achse gewesen. Die Stempel in ihrem Pass möchte man sehen. Mehrere Bildbände dokumentieren ihre Reisen durch die Räume einer damals noch weitgehend gespaltenen Welt, durch die Zeiten und Schauplätze des Kalten Krieges und der Studentenrevolution, der deutschen Parteienpolitik und der weltweiten bewaffneten Konflikte. Es sind Straßenbilder, Milieustudien, Ausschnitte vom Leben auf dem Lande und in den Metropolen - eine Welt, wie sie vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren noch aussah, doch die sind nun um, und auf einmal schaut einen das alles historisch an, unvorstellbar entrückt. Dass es aber lebendig bleibt, hat mit dem untrüglichen Augenblickssinn der Fotografin zu tun, ihrer Fähigkeit, Menschen und ihre Situationen im Moment intensivster Präsenz zu erfassen. Das ist eine Gabe, und wir können, wie bei jedem Künstler, nur spekulieren, wie es zu dieser Geistesgegenwart kam.

          Beitrag zum Familienalbum der Nation

          Das ist die Frau, die über viele Jahre das öffentliche Bild der Bundesrepublik Deutschland mit geprägt hat - und niemand musste die Person dahinter je kennen. Denn während Leitartikel und Reportagen fett mit dem Namen gekennzeichnet sind, verschwindet der fotografische Urheber am Bildrand in Mikroschrift, und nicht viele teilen meine Marotte, bei gelungenen Pressebildern das Kleingedruckte zu lesen. Doch auch wer den Namen nicht kennt, hat als gelegentlicher Leser der F.A.Z. mit Sicherheit irgendwann eines ihrer Bilder vor Augen gehabt und vielleicht nicht nur überblättert, sondern ausgiebig betrachtet. Er wird sich dann, so wie ich, an sein Staunen erinnern vor den magischen Möglichkeiten dieser oft unterschätzten Vergegenwärtigungskunst Fotografie.

          Barbara Klemm ist eine Institution. Und das sagt einer, der gewissermaßen erst mit Verspätung die Szene betrat - und umso mehr angewiesen ist auf ein verlässliches Epochenbild der Ereignisse während seiner Abwesenheit. Man hat Erich Salomon den Chronisten der Weimarer Republik genannt. So wird man Barbara Klemm ohne Übertreibung zu den bedeutenden Chronisten der alten Bundesrepublik zählen dürfen. Ihr Beitrag zum Familienalbum der Nation ist unübersehbar. Manche ihrer Aufnahmen dürften längst den Weg in die Geschichtsbücher gefunden haben.

          Sie war dabei, als der Philosoph Adorno, unterm lauernden Blick des Polizisten, im besetzten Frankfurter Institut für Sozialforschung mit den studentischen Störern verhandelte. Sie hielt die frühen Anti-Atomkraft-Demonstrationen fest und Bilder vom ersten chaotischen Parteitag der Grünen. Aber sie sah auch den ritualisierten DDR-Alltag jener Jahre, Jugendweihe und FDJ-Fackelumzug in einem nun versunkenen Land. Ihr besonderes Augenmerk galt dem Treiben der kleinen Leute in Ost und West, den Arbeitswelten und dem, was kein Historikerwerk im Detail je so genau festhalten kann. Jedes Bild ist zugleich eine kleine Elegie auf die handelnden Personen und die Umstände, die so nie wiederkehren. Das scheint vor allem die Wirkung des Schwarzweiß zu sein, das ganz offenbar an unsere melancholischen Instinkte appelliert. Bei genauem Hinsehen aber fällt der Reichtum an allen nur denkbaren Grauabstufungen auf und damit die eigentliche Ausdrucksskala ihrer Kunstform. Wie sonst ließ sich das Warten auf den Arbeitsämtern einfangen, die totgeschlagene Zeit in Krankenzimmern, Bahnhofshallen und in den öden Straßenkorridoren der Plattenbauten?

          Wie gelingen kollektiv einprägsame Bilder?

          Nun wissen wir also, wie ein dunstiger Morgen an der Berliner Mauer aussah im Jahre 1971, die Menschenleere im Todesstreifen. In Barbara Klemms Kosmos ist die ganze deutsch-deutsche Comédie humaine aufgehoben - das Panorama der Berufspolitiker und Burschenschaftler, der Gastarbeiter, Neonazis und ostdeutschen Hortnerinnen, der linken Demonstranten und turnschuhtragenden Mauerspechte, das komplette Personal eines einstmals gespaltenen Landes, das der Welt bis heute seine Rätsel aufgibt.

          Sie überlieferte uns den Händedruck der beiden Helmuts (Schmidt und Kohl) im Moment des fatalen Regierungswechsels und damit den Beginn einer Periode, die bis weit in die Nachwendezeit reichte, und sie unterschlug auch nicht die Einsamkeit des korpulenten Staatsmannes am Ende seiner Amtszeit. Ein Bild zeigt den Vereinigungskanzler in dem auf sein Betreiben alsbald eingerichteten Deutschen Historischen Museum: Der Mann aus Oggersheim in Betrachtung der Bronzeköpfe von Lenin, Stalin, Ulbricht und Rosa Luxemburg. Politik blickt auf Geschichte zurück: ein Zeitalterwechsel. Ein Foto wie dieses, so anspielungsreich komponiert, gelingt nur den wenigsten ihrer zahlreichen Kollegen. Denn Kameras gibt es wie Sand am Meer, aber unabhängige Beobachter wie Barbara Klemm nur ausnahmsweise.

          Eine Frage schließlich, die mich, der ich nie fotografiere, immer beschäftigt hat: Wie gelingt es einem, auf einem Feld, auf dem so viele sich tummeln, die wenigen Bilder zu schaffen, die sich kollektiv einprägen? Es sagt einiges, wenn man erfährt, dass sie die Tochter eines Malers ist, Fritz Klemm, eines behutsamen Abstraktionisten, der in seinen Gemälden und Zeichnungen bevorzugt Fenster und Wände darstellte. Barbara Klemm kommt also aus einer Schule des Sehens. Entscheidend aber ist ein schon früh ausgeprägter Zug zur Unabhängigkeit: So unbeirrt erobern nur Autodidakten ihr Metier. 1939 in Münster geboren, macht sie ihre Ausbildung in einem Porträtatelier in Karlsruhe, und das Porträt wird denn auch ihre Königsdisziplin. Sie hat die Berühmten und die weniger Berühmten festgehalten und dazu Hunderte Unbekannte - und alle in gleicher Weise, als eine wahre Demokratin der Fotografie. Kein Zufall, dass einige der Ordensmitglieder darunter sind. Man darf ihre Wahl in den Kreis aber nicht als ein Zeichen von Narzissmus deuten, das hieße den Geist der Mitglieder zu verkennen.

          Visuelle Erinnerungsprosa

          Der Fotograf ist jemand, der aus dem Strom der Zeiten Bilder fischt. Die Metapher ist wörtlich zu nehmen. Denn lange Zeit war es üblich, den frischen Fang in der Dunkelkammer zum Trocknen auf die Leine zu hängen. Barbara Klemm hat, soviel ich weiß, nie mit der alten Handwerkstradition gebrochen, und dies nicht aus Trotz gegen den technischen Fortschritt. Was man der still agierenden Frau mit dem leichten Gepäck ihrer beiden Kameras nie ansah: Hinter ihrem Rücken wuchs dabei ein ganzes Archiv heran. Ihr einstiger Arbeitgeber, die große Frankfurter Tageszeitung, hütet es heute wie einen Schatz.

          Das Auge ist vergesslich, wie wir wissen. Dagegen hilft die Fotografie, sie schreibt uns die visuelle Erinnerungsprosa. Barbara Klemm gehört zu den großen Erzählerinnen in dieser Kunst.

          Wir müssen es nicht halten wie Gottfried Benn, der entschiedene Verzichter und Verächter, der in einem seiner späten Gedichte schrieb:

          Was soll der Glanz der europäischen Auguren,
          der großen Namen,
          der Pour le mérite,
          die auf sich sehn und weiter schaffen,
          ach, nur Vergehndes ist schön.




          Nein, das Bleibende auch.

          Durs Grünbein

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