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Laudatio auf Barbara Klemm : Die Demokratin der Fotografie

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Sie war dabei, als der Philosoph Adorno, unterm lauernden Blick des Polizisten, im besetzten Frankfurter Institut für Sozialforschung mit den studentischen Störern verhandelte. Sie hielt die frühen Anti-Atomkraft-Demonstrationen fest und Bilder vom ersten chaotischen Parteitag der Grünen. Aber sie sah auch den ritualisierten DDR-Alltag jener Jahre, Jugendweihe und FDJ-Fackelumzug in einem nun versunkenen Land. Ihr besonderes Augenmerk galt dem Treiben der kleinen Leute in Ost und West, den Arbeitswelten und dem, was kein Historikerwerk im Detail je so genau festhalten kann. Jedes Bild ist zugleich eine kleine Elegie auf die handelnden Personen und die Umstände, die so nie wiederkehren. Das scheint vor allem die Wirkung des Schwarzweiß zu sein, das ganz offenbar an unsere melancholischen Instinkte appelliert. Bei genauem Hinsehen aber fällt der Reichtum an allen nur denkbaren Grauabstufungen auf und damit die eigentliche Ausdrucksskala ihrer Kunstform. Wie sonst ließ sich das Warten auf den Arbeitsämtern einfangen, die totgeschlagene Zeit in Krankenzimmern, Bahnhofshallen und in den öden Straßenkorridoren der Plattenbauten?

Wie gelingen kollektiv einprägsame Bilder?

Nun wissen wir also, wie ein dunstiger Morgen an der Berliner Mauer aussah im Jahre 1971, die Menschenleere im Todesstreifen. In Barbara Klemms Kosmos ist die ganze deutsch-deutsche Comédie humaine aufgehoben - das Panorama der Berufspolitiker und Burschenschaftler, der Gastarbeiter, Neonazis und ostdeutschen Hortnerinnen, der linken Demonstranten und turnschuhtragenden Mauerspechte, das komplette Personal eines einstmals gespaltenen Landes, das der Welt bis heute seine Rätsel aufgibt.

Sie überlieferte uns den Händedruck der beiden Helmuts (Schmidt und Kohl) im Moment des fatalen Regierungswechsels und damit den Beginn einer Periode, die bis weit in die Nachwendezeit reichte, und sie unterschlug auch nicht die Einsamkeit des korpulenten Staatsmannes am Ende seiner Amtszeit. Ein Bild zeigt den Vereinigungskanzler in dem auf sein Betreiben alsbald eingerichteten Deutschen Historischen Museum: Der Mann aus Oggersheim in Betrachtung der Bronzeköpfe von Lenin, Stalin, Ulbricht und Rosa Luxemburg. Politik blickt auf Geschichte zurück: ein Zeitalterwechsel. Ein Foto wie dieses, so anspielungsreich komponiert, gelingt nur den wenigsten ihrer zahlreichen Kollegen. Denn Kameras gibt es wie Sand am Meer, aber unabhängige Beobachter wie Barbara Klemm nur ausnahmsweise.

Eine Frage schließlich, die mich, der ich nie fotografiere, immer beschäftigt hat: Wie gelingt es einem, auf einem Feld, auf dem so viele sich tummeln, die wenigen Bilder zu schaffen, die sich kollektiv einprägen? Es sagt einiges, wenn man erfährt, dass sie die Tochter eines Malers ist, Fritz Klemm, eines behutsamen Abstraktionisten, der in seinen Gemälden und Zeichnungen bevorzugt Fenster und Wände darstellte. Barbara Klemm kommt also aus einer Schule des Sehens. Entscheidend aber ist ein schon früh ausgeprägter Zug zur Unabhängigkeit: So unbeirrt erobern nur Autodidakten ihr Metier. 1939 in Münster geboren, macht sie ihre Ausbildung in einem Porträtatelier in Karlsruhe, und das Porträt wird denn auch ihre Königsdisziplin. Sie hat die Berühmten und die weniger Berühmten festgehalten und dazu Hunderte Unbekannte - und alle in gleicher Weise, als eine wahre Demokratin der Fotografie. Kein Zufall, dass einige der Ordensmitglieder darunter sind. Man darf ihre Wahl in den Kreis aber nicht als ein Zeichen von Narzissmus deuten, das hieße den Geist der Mitglieder zu verkennen.

Visuelle Erinnerungsprosa

Der Fotograf ist jemand, der aus dem Strom der Zeiten Bilder fischt. Die Metapher ist wörtlich zu nehmen. Denn lange Zeit war es üblich, den frischen Fang in der Dunkelkammer zum Trocknen auf die Leine zu hängen. Barbara Klemm hat, soviel ich weiß, nie mit der alten Handwerkstradition gebrochen, und dies nicht aus Trotz gegen den technischen Fortschritt. Was man der still agierenden Frau mit dem leichten Gepäck ihrer beiden Kameras nie ansah: Hinter ihrem Rücken wuchs dabei ein ganzes Archiv heran. Ihr einstiger Arbeitgeber, die große Frankfurter Tageszeitung, hütet es heute wie einen Schatz.

Das Auge ist vergesslich, wie wir wissen. Dagegen hilft die Fotografie, sie schreibt uns die visuelle Erinnerungsprosa. Barbara Klemm gehört zu den großen Erzählerinnen in dieser Kunst.

Wir müssen es nicht halten wie Gottfried Benn, der entschiedene Verzichter und Verächter, der in einem seiner späten Gedichte schrieb:

Was soll der Glanz der europäischen Auguren,
der großen Namen,
der Pour le mérite,
die auf sich sehn und weiter schaffen,
ach, nur Vergehndes ist schön.




Nein, das Bleibende auch.

Durs Grünbein

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