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Fehldeutungen des Laokoon : Der Arm ist verkrampft

  • -Aktualisiert am

Die grüne Schlange tötet den Sohn, die rote den Vater: Laokoons Ende, digital rekonstruiert von Berliner Archäologen. Bild: F.A.Z.

Laokoon war kein Held: Eine Ausstellung in Berlin schlägt eine neue Deutung der berühmten Statuengruppe vor. Ganze Bibliotheken der Laokoon-Forschung werden so obsolet, doch den Kuratoren fehlt es an Budget.

          Zwei Kinder, zwei Schlangen, ein Mann. Das ist das ganze Drama, kurz und grausam, und doch hört der Streit darüber, wie es zu verstehen sei, nicht auf. Die Knaben und ihr Vater werden von den Schlangen getötet, so will es der Mythos, so steht es bei Vergil. Aber ob Laokoon, der Priester des Apoll, ein Held ist oder bloß ein Opfer, ob er sich mit letzter Kraft die von Athene geschickten Reptilien vom Leib hält oder hilflos in ihrem Würgegriff hängt, darüber gehen die Meinungen auch nach fünfhundert Jahren auseinander. Der Fall Laokoon hat einige der größten Texte der deutschen Klassik inspiriert, Winckelmann wurde durch ihn berühmt, Goethe, Schiller, Lessing, Dickens und Darwin haben ihn kommentiert. Entschieden ist er bis heute nicht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das könnte sich ändern. In dem virtuellen Raum, in dem die Gelehrten des Abendlands seit dem 14. Januar 1506 darüber streiten, was die an jenem Tag aus dem Schutt eines Hügels in Rom geborgene Statuengruppe des Bildhauer-Trios Hagesandros, Polydoros und Athenodoros genau darstellt, hat sich eine neue Stimme erhoben. Sie ist ruhig, sie ist klug, und sie wird sich Gehör verschaffen. Ihr Forum ist der Ausstellungssaal des Winckelmann-Instituts der Berliner Humboldt-Universität im Westflügel des Hauptgebäudes Unter den Linden, und ihre Botschaft ist aufsehenerregend.

          Plinius irrte, Pollak verwirrte

          Vor vier Jahren hat in Berlin ein Forschungsprojekt zum römischen Laokoon begonnen. Seine Initiatoren, die Archäologen Susanne Muth und Luca Giuliani, haben zusammen mit Dozenten und Studenten der Humboldt-Uni die Deutungsgeschichte der Statuengruppe ergründet und die Ausstellung konzipiert. Dabei haben sie ein im Vatikan hergestelltes Gipsmodell eingescannt und im Computer untersucht. Das Resultat ihrer Arbeit ist ein Vorschlag zur Rekonstruktion der antiken Skulptur, der die Einfachheit und Evidenz eines großen Wurfs besitzt.

          Als der Laokoon im dritten Amtsjahr des Papstes Julius II., seines späteren Besitzers, auf dem Esquilin gefunden wurde, wusste man auf Anhieb, wen man vor sich hatte, denn Plinius der Ältere hatte das Kunstwerk, das er im Palast des Titus sah, beschrieben und seine Urheber benannt. Aber der Fund war weder, wie Plinius meinte, „aus einem Block“ noch überhaupt vollständig. Die rechten Arme aller drei Figuren und Teile der Schlangen fehlten. Erst 1903 entdeckte der Archäologe Ludwig Pollak den Arm des Laokoon in einer Steinmetzwerkstatt. Da war die Skulptur, im Geschmack der Spätrenaissance ergänzt, längst zu jener Ikone heroischen Duldens geworden, die Winckelmann beschrieb – mit kraftvoll gereckten Armen bei Vater und Söhnen. Der Arm aber, den Pollak fand, war angewinkelt und in sich verdreht.

          Seit 1960 steht deshalb eine entrestaurierte Laokoon-Version im Vatikan. Sie entspricht in etwa der Fundsituation von 1506, mit angefügtem rechten Arm. Genau dort haben die Berliner Forscher den Hebel für ihre Neuinterpretation angesetzt. Der verkrampfte Arm spricht für eine starke Zugwirkung nach oben. Deshalb kann dort nicht, wie in der vatikanischen Fassung, das Schwanzende der oberen Schlange sitzen. Muth und Giuliani verlegen statt dessen den Schlangenkopf von Laokoons linker Hüfte, wo ihn die Renaissance plaziert hat, an den Hals des Alten. Dadurch werden auch der entsetzte Blick des älteren Sohns auf den Vater und dessen zurückgebogener Hals plausibel. Die Spannung des Oberkörpers und der Beinmuskulatur stützt die Neuinterpretation. Ganze Bibliotheken voller Laokoon-Deutungen fallen damit in sich zusammen. Dieser Apollopriester ist kein Held mehr, sondern ein Opferlamm, kein Dulder, sondern die schreiende Beute übermächtiger Naturgewalten. Weder die Spätblüte des Hellenismus in Pergamon noch ihr Echo in Rom können dieses Schreckensbild hervorgebracht haben. Vermutlich ist es, wie die ebenfalls Hagesandros & Co. zugeschriebene Scylla-Gruppe aus Sperlonga, in den letzten Jahren der römischen Republik entstanden, als der Kult der Gewalt auch in der Kunst bizarre Blüten trieb.

          Das einzige Manko der Ausstellung, die ihre These mit Monitoren und Objekten in aller Breite präsentiert, ist das Fehlen eines großen Modells der rekonstruktierten Laokoon-Gruppe. Das sei nur eine Frage des Budgets, erklärt Susanne Muth. Dabei darf es nicht bleiben. Wo so viel Geld in Humboldtforen fließt, müsste sich doch ein Tropfen für Laokoon abzweigen lassen.

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