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Landschaften Chinas in Zürich : Zufluchtsort für Träume und Utopien

Dystopie statt Utopie: In Yang Yongliangs „Phantom Landscape“ von 2010 bilden die einst aus dem Westen übernommenen Hochhäuser, Industrieanlagen und Kräne eine Landschaft in traditioneller Form nach. Bild: Yang Yongliang Studio

In Tusche-Gewittern versteckt sich Politisches: Im Museum Rietberg offenbaren Landschaftsbilder aus China verblüffende Annäherungen an den Westen.

          4 Min.

          Man muss die derzeitige chinesische Autokratie nicht mögen, um sich dennoch gern daheim eine der nun in Zürich gezeigten zeitgenössischen Tusche-Landschaften aufzuhängen, die wiederum auf die ein Jahrtausend alte, stark kodifizierte Tradition der Landschaftsmalerei Chinas rekurrieren. Auf solchen Augenweiden kann man in endlosen Spaziergängen verloren gehen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Die größtenteils mit den spektakulären und bis zu sechshundert Jahre alten Naturbildern aus dem eigenen Bestand des Museums Rietberg bestückte Schau „Sehnsucht Natur – Sprechende Landschaften in der Kunst Chinas“ birgt somit ein altbekanntes Verlangen wie auch ein neues Problem: Aus bekannten Gründen gibt es aktuell einen Eskapismus „in die Natur“, der sich in einer Vielzahl von Ausstellungen niederschlägt („Was ist Natur?“ in Bad Homburg, Zheng Bo und Otobong Nkanga zum Verhältnis von Mensch und Natur im Gropius Bau Berlin und viele mehr). Der Untertitel „Sprechende Landschaften“ wiederum offenbart das Problem. Als solche würden in der europäischen Kunst etwa Felsformationen in Kopf- oder Körperform bezeichnet; „sprechend“ in den zu sehenden chinesischen Landschaften hingegen ist gar nichts, sofern nicht sinologische Spezialkenntnisse vorhanden sind. Und gerade diese Hermetik macht das Entdecken jener verborgenen Kontinente des Wissens über die anschaulichen Exponattexte sowie den Katalog so faszinierend.

          Pflanzbeete der Bedeutung

          Denn anstelle von sprechenden könnte man auch von politischen Landschaften sprechen (und vielleicht sollte das Ersetzen der Worte ja tatsächlich keine schlafenden Hunde im Reich der Mitte wecken). Ist doch seit annähernd tausend Jahren die Landschaft in der chinesischen Kunst Versteck für Politisches wie Exilort für Träume und Utopien gleichermaßen.

          Geht unter die Haut: Huang Yans „Chinese Landscape – Tattoo, No. 7“ von 1999 Bilderstrecke
          Politischer Zeichen-Dschungel : Landschaften in der Kunst Chinas

          Bereits im elften Jahrhundert schreibt der Kunsttheoretiker und Hofmaler Guo Xi: „Gebunden und gefangen im Schmutz und Lärm der Welt zu sein – dies verabscheut der Mensch naturgemäß. Zwischen Quellen und Felsen ungebunden herumzustreifen, daran erfreut er sich naturgemäß.“ Was vor einem Millennium in der Erfindung der autonomen Landschaftsmalerei Chinas als religiös basiertes, taoistisches oder konfuzianisches „Zurück zur Natur“ mit ihren Kraftquellen begann, eroberte sich sukzessive immer mehr Pflanzbeete der Bedeutung. Von Anfang an waren die Künstler hier Angehörige der Intelligenz, die anders als etwa europäische Kollegen gerade darauf stolz waren, die Landschaftsmalerei nicht zum Broterwerb, sondern nur als Hobby auszuüben.

          Mit der größten Präzision des Strichs

          Wiederholt liest man in den wortreich poetischen Aufschriften auf den Bildern von Burnout-Zuständen der kaiserlichen Beamten, die durch das mentale, oft vom Bett aus gemalte In-die-Landschaft-Wandern oder Reisen in die Provinzen mit dem Pinsel erfolgreich kuriert werden. Und immer wieder „porträtieren“ sich die Hochgebildeten selbst in der Figur großstadtabgewandter Eremiten in einfachsten Strohhütten oder unter Kiefern, dem chinesischen Symbol für Geradlinigkeit und Unbeugsamkeit noch bei rauhestem Gegenwind.

          Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es handelt sich bei den Malereien nicht um Bob-Ross-hafte Produkte von Laienmalern, die therapeutisch Natur in feierabendlichen Tusche-Gewittern zu bannen versuchen. Der Vizejustizminister Gao Qipei etwa malt um 1700 in klarer Distinktion nicht mit einer ordinären Feder oder dem Tuschepinsel, vielmehr wie Leonardo mit den Fingern, indem er den Nagel so anspitzt und zweiteilt, dass er sich mit ihm als unmittelbarster Körperextension direkt und mit größter Präzision des Strichs in das Papier einschreiben kann.

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