https://www.faz.net/-gqz-a74kc

Hessisches Landesmuseum : Neustart im Sechs-Sekunden-Takt

  • -Aktualisiert am

In Serie gegangen: Vollrad Kutscher inmitten der Terrakotta-Masken, die Teil seiner Installation „Einatmen Ausatmen“ sind. Bild: Frank Röth

Gleich zwei Ausstellungen in der Landeshauptstadt Wiesbaden würdigen den Künstler Vollrad Kutscher. Der schenkt dem Landesmuseum seine Installation „ars mundi“.

          3 Min.

          Sechs Sekunden. So lange dauert es, einmal ein- und wieder auszuatmen. Der Rhythmus dieses lebensnotwendigen Vorgangs bestimmt zwei Trickfilme des Frankfurter Künstlers Vollrad Kutscher. Einer zeigt die nur vermeintlich regungslose Miene einer Maske und ist unterlegt mit Atemgeräuschen; bei dem anderen sieht man unterschiedlich gestaltete Masken-Rückseiten. Dazu erklingen rückwärts abgespielte Passagen aus Antonin Artauds Essay „Die Kunst und der Tod“. Die beiden Animationen bilden den kleineren Teil von Kutschers Installation „Einatmen Ausatmen“.

          Bei dem weitaus voluminöseren Teil handelt es sich im Grunde um das Arbeitsmaterial zu den bewegten Bildern: 144 Terrakotta-Masken, für die Kutscher das nachdenklich auf einer Hand ruhende Gesicht des Schweizer Schauspielers Norbert Klassen abgeformt hat. Die Zahl der Masken entspricht der Zahl der Einzelbilder, die innerhalb von sechs Filmsekunden ablaufen. Auf Sockel montiert, behaupten sie jeweils eigenen Werkcharakter, während sie sich in strenger Reihung, nur scheinbar gleichförmig zu neuer übergeordneter Einheit fügen.

          Kutschers große Skulpturenserie stellt immergültige Fragen nach menschlicher Existenz, Selbstreflexion, dem Verhältnis von Individualität und Masse, Starre und Bewegung. Schon als das Werk 1992 entstand, hatte es aber auch akute Brisanz: Politik und Gesellschaft diskutierten damals über die Folgen der Gentechnik, und nur wenige Jahre später sollte Klonschaf Dolly geboren werden. Der Mensch schien nicht mehr derselbe zu sein. Heute ist es wieder so. In Zeiten, in denen Atmen zu etwas Bedrohlichem geworden ist, wird „Einatmen Ausatmen“ abermals mit aktueller Bedeutung angereichert.

          Neueste Techniken und traditionelle Bildkünste

          Theoretisch könnte man sich davon in der Kunsthalle Wiesbaden überzeugen. Praktisch hat der Lockdown die Eröffnung von Kutschers aktueller Einzelschau verhindert. Dabei nimmt „Einatmen Ausatmen“ quasi den kompletten Raum in Beschlag, dessen schwierige Proportionen das Werk beispielhaft pariert. Wegen seines paradigmatischen Charakters lässt schon dieses zentrale Exponat die Neubetrachtung von Kutschers künstlerischer Position zu, die der Ausstellungstitel „reStart“ verheißt. Es vereint nicht nur die wesentlichen Themen, die seine Arbeit von Anfang an bestimmt haben. Typisch ist zugleich die Verbindung aus einst neuesten Techniken wie Video, Performance und Installation mit traditionellen Bildkünsten wie Skulptur und vor allem Zeichnung.

          Kutscher ist im vergangenen Mai 75 Jahre alt geworden. Neben der Kunsthalle würdigt dies auch das Museum Wiesbaden mit einer Ausstellung. Im haushohen Giraffensaal breitet sich dort die große erzählerische Kraft der jüngsten und in dieser Form erstmals öffentlich präsentierten Fassung der Video-Installation „ars mundi“ aus, die Kutscher mit der Unterstützung seiner Weggefährten Dieter Reifarth und Hubert Machnik realisiert hat: simultan auf sämtliche Wände projizierte Bilder von Mündern, die aus dem Dunkel aufscheinen wie auf einem Caravaggio-Gemälde und nach einem kurzen Hauch wieder verschwinden, Naturstimmungen und symbolhafte Zeichnungen, die der Klang von Atmung, Brandung, Vogelzug und anderen durch bewegte Luft erzeugte Geräusche wirkungsvoll verklammert.

          Kutscher wurde 1945 in Braunschweig geboren, studierte in Mainz Kunst und lebt seit Jahrzehnten in Frankfurt, wo er in seinem Niederrader Domizil nicht zwischen Arbeit und Wohnen trennt. Dass er ausgerechnet in Wiesbaden so groß gewürdigt wird, hat seinen Grund. In der hessischen Landeshauptstadt verbrachte er nicht nur seine Jugend. Auch setzen seine Werke heute zahlreiche Zeichen im Wiesbadener öffentlichen Raum. Dazu zählen die an den Kunstsommer 2004 erinnernde Kürbis-Skulptur am Dernschen Gelände, die Kastanien-Allee am Schlachthof zur Erinnerung an die von dort deportierten Juden sowie der Plenarsaal des Hessischen Landtags.

          Im Museum Wiesbaden schließlich ist er gewissermaßen zu Hause. Schon mehrfach hat er dort seine Arbeiten ausgestellt, und seine „Leuchtenden Vorbilder“ gehören zur Schausammlung. Einstweilen stehen die Chancen gut, dass „ars mundi“ auch nach dem offiziellen Ausstellungsende in Wiesbaden wieder einmal zu sehen sein wird: Nachdem Kutscher das Museum schon zu seinem 70. Geburtstag mit seiner Video-Installation „Dudolldu“ beschenkt hat, nimmt er sein Jubiläum nun zum Anlass, ihm „ars mundi“ zu überlassen.

          Die Ausstellungen in der Kunsthalle und im Museum dauern bis zum 14. Februar. Ein Film, der die Zeit des Lockdown zu überbrücken hilft ist über www.wiesbaden.de und die Website des Museums (museum-wiesbaden.de) abrufbar. Außerdem erscheint ein Katalog, dessen Vorstellung für 14. Januar im Museum Wiesbaden vorgesehen ist.

          Inhaltliches Konzept für die Kunsthalle

          Der Neustart, der im Titel zu Vollrad Kutschers Schau anklingt, wird damit auch für den Ausstellungsort zum Programm. So hat die Stadt Wiesbaden mit der Kunsthalle, die ihre Existenz dem 2009 von der Bundesregierung geschnürten Konjunkturpaket verdankt, seither zwar eine attraktive kommunale Galerie. An einem überzeugenden inhaltlichen Konzept fehlte es bislang allerdings.

          Das will Monique Behr ändern. Die 1965 geborene Kunsthistorikerin, die zuvor am Frankfurter Museum für Kommunikation beschäftigt war, wurde zu Beginn des Jahres 2020 Referentin für Bildende Kunst im Wiesbadener Kulturamt und folgte damit auf Isolde Schmidt. Die Kutscher-Schau ist der Auftakt einer sich über das erste Halbjahr 2021 erstreckenden Porträtreihe. Fortgesetzt wird sie mit der für ihre Politiker-Aufnahmen bekannten Fotografin Herlinde Koelbl sowie der Städelschule-Absolventin Chunqing Huang.

          fish.

          Weitere Themen

          Kalte Tresore für den Impfstoff

          Start-Up aus Darmstadt : Kalte Tresore für den Impfstoff

          Das Darmstädter Start-up Tec4med produziert Behälter, die Medikamente und Impfseren sogar mehrere Tage konstant gefroren halten können – auch den Covid-19-Impfstoff von Biontec. Deshalb ist das Unternehmen nun sehr gefragt.

          Open Ohr ohne Zeltplatz

          Familienfestival : Open Ohr ohne Zeltplatz

          Nach einem pandemiebedingten Notprogramm 2020 möchten die Veranstalter des Mainzer Open-Ohr-Festivals in diesem Jahr wieder loslegen. Auf Zeltplätze müssen die Besucher verzichten. Die Zahl der Tickets wird insgesamt begrenzt.

          Topmeldungen

          Januar 2017: Donald Trump und Steve Bannon im Weißen Haus

          Kurz vor Amtsübergabe : Donald Trump begnadigt früheren Chefstrategen Steve Bannon

          In den letzten Stunden seiner Präsidentschaft hat Donald Trump mit Steve Bannon einen seiner früheren engsten Vertrauten begnadigt. Auf der Liste stehen noch 72 weitere Personen – Mitglieder seiner Familie oder gar der Präsident selbst aber nicht. Dafür kassiert Trump noch ein frühes Wahlversprechen.
          Unser Autor: Jasper von Altenbockum

          F.A.Z.-Newsletter : Joe Bidens Tag

          Schon wieder spielt die Pfalz eine Rolle bei der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten. Und schon wieder ist über neue Corona-Maßnahmen zu reden. Das und mehr steht im Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.