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50 Jahre Land Art in Utah : „Spiral Jetty“ und die feindselige Natur

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Geometrie aus Basaltbrocken: Robert Smithsons „Spiral Jetty“ am Great Salt Lake in Utah. Bild: 51137187 © George Steinmetz / A

Fast dreißig Jahre verschwand das Land Art-Kunstwerk „Spiral Jetty“ unter dem steigenden Wasserspiegel. Seit 2002 sind die Felsbrocken mit Salzkruste wieder im Great Salt Lake in Utah zu sehen. Wir gratulieren zum Fünfzigsten.

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          Vor einem halben Jahrhundert, Anfang April 1970, erteilte Robert Smithson einer Baufirma in Utah den Auftrag, eine spiralförmige Mole in den Großen Salzsee zu bauen. Schon in den nächsten Tagen kippten schwere Lastwagen schwarze Basaltbrocken ins Wasser, und trotz einer Änderung der ursprünglichen Planung war die Aufschüttung schnell vollendet.

          Sie verläuft vom Ufer aus zunächst im rechten Winkel auf einer schnurgeraden Linie in den See und dreht sich dann nach links in einer Spirale nach innen. Diese verengt sich aber nicht wie bei einem Schneckenhaus zur Mitte hin. Die Abstände der Bögen bleiben gleich, und so zeigt die ganze Anlage, dass sie keine Ambitionen hat, sich der Umgebung möglichst organisch anzuschmiegen. Sie will ein Fremdkörper bleiben.

          Mole unter der Wasseroberfläche

          Nach ihrer Fertigstellung verschwand die „Spiral Jetty“ aufgrund des steigenden Wasserspiegels fast dreißig Jahre unter der Oberfläche des Sees. Erst 2002 kamen die Felsbrocken, nunmehr in einer weißen Salzkruste, wieder ans Licht. Vorher war das Werk kaum ausfindig zu machen, und wenn man es fand, gab es nichts zu sehen. Tacita Dean dokumentierte ihre letztlich erfolglose Suche 1997 in einem kleinen Hörspiel.

          Neuerdings kommen immer mehr Kunsttouristen, aber den meisten, die sich für das Werk interessieren, ist die Anreise zu beschwerlich und zu kostspielig. Für sie gibt es Fotos und vor allem einen halbstündigen, von Smithson selbst gedrehten Film. Damit und mit einem 1972 veröffentlichten Aufsatz hat der Künstler unser Bild der „Spiral Jetty“ bis heute entscheidend geprägt.

          Eine besonders prägnante Aufnahme ist auch in der letzten Einstellung des Films zu sehen. Es ist in mehrfacher Hinsicht irreführend. Im Vergleich mit den Bergen im Hintergrund erscheint die Spirale viel zu groß, die schnurgerade Verbindung zum Ufer wirkt in der Schrägansicht weniger rigide, und die starren Abstände der Bögen fallen gar nicht weiter auf. Zudem scheint es ganz natürlich, aus der Luft auf das Bauwerk herabzuschauen.

          Dies ist an Ort und Stelle nicht möglich. Unter dem eigentümlich zwanglosen Zwang des Ambientes schreitet man dort auf dem Pfad, den Smithson uns vorgegeben hat, zuerst 250 Meter gerade aus, dann weitere zweihundert Meter in einer Drehung gegen den Uhrzeigersinn bis zur Mitte der Spirale. Hier geht es nicht mehr weiter. Man ist in einer Sackgasse. Was nun?

          Der Film gibt die Antwort. Nachdem Smithson zwanzigmal wiederholt hat, woraus sein Werk besteht: „Schlamm, Salzkristalle, Felsbrocken, Wasser“, sieht man, wie er sich mit sichtlicher Euphorie dem Ende des frisch aufgeschütteten Damms nähert. Als er dort stehen bleibt, trennt sich die Kamera von ihm und erhebt sich in die Luft. Dazu hört man Propellergeräusche eines Helikopters, was 1970 sofort an Vietnam erinnerte.

          Dann sieht man bis zum Schluss des Films nur noch grelles Sonnenlicht, das die Spirale wie die Strahlung einer Atombombe durchdringt. In seinem Aufsatz eröffnet Smithson dazu eine furiose Fülle von Assoziationen. Von den Anfängen des Lebens im salzigen Wasser ist die Rede, von der Welt vor dem Menschen, der Tyrannei der Sonne, kollabierender Materie, kristallisiertem Protoplasma und blutigen Augen, von der Beziehung zwischen Helios und Helix und noch manch anderem.

          Wer am Ende angekommen ist, muss den Rückzug antreten

          Wer am Ende der Mole steht, kann sich aber weder in die Luft erheben noch in die irreale Sphäre gewagter Bedeutungszuweisungen ausweichen. Das Übermaß an theoretischer Aufladung steigert nur die Enttäuschung angesichts der tatsächlichen Situation, wo alles kleiner und belangloser ist. Am Ende der Mole weiß man nicht einmal mehr, wo man eigentlich ist. Klar ist nur eines: Man muss den Rückzug antreten.

          Zur selben Zeit konstruierte Bruce Nauman seine Korridore, die ebenfalls zur inneren Umkehr zwingen. Dabei geht es vor allem um die Selbstwahrnehmung der Versuchspersonen. Smithson hatte mit seiner „Spiral Jetty“ jedoch anderes im Sinn. Er interessierte sich für das Schicksal der Natur, nicht das der Menschen. Der Weg auf der Mole führt auch nicht zur Freiheit, denn frei ist man noch nicht einmal im Freien. Tatsächlich wird man in keinem anderen Werk der Land Art so stark gegängelt wie hier.

          Die Rechtfertigung dafür sah Smithson im zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, wonach jedes System dem Zustand mit den geringsten Energiedifferenzen zustrebt. In einem irreversiblen Prozess wird alle Energie nach und nach zu Wärme, und alles erstarrt in der Entropie. Allein schon der Ort seiner Intervention symbolisiert für Smithson eine solche irreversible Ausweglosigkeit, denn das Wasser, das in den Großen Salzsee fließt, kann nirgendwo wieder heraus. Es muss sich in Luft auflösen.

          Die Natur ist uns nicht wohlgesinnt

          Wenn Smithsons Spirale das Prinzip der Entropie verkörpern soll, verbietet sich naturgemäß jeder Versuch, ihrem eigenen unaufhaltsamen Verfall entgegenzuwirken. Sollen die Besucher doch getrost kleine Steine mitnehmen, Abfall hinterlassen, Felsbrocken verschieben und bemalen. In ihrem Ruin verwirklicht die große spiralförmige Mole nur das Prinzip ihrer Existenz.

          Smithson suchte in der Natur keine blaue Blume. Die Natur zu verherrlichen schien ihm naiv. Die Natur ist uns nicht wohlgesinnt. Sie strebt zur Entropie. Deshalb ist nicht das Leben ihr Ziel, sondern der Tod. Heute beweist die große Seuche, dass ein solcher Naturpessimismus gar nicht so falsch ist.

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