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Kunst als begehbarer Krimi : Das ist eine Operation am offenen Bild

In Mailand zeigt der Künstler Thomas Demand eine Schau, die Werke aus der Komfortzone holt - um sie zusammenkrachen zu lassen. Nebenbei verrät er gehütete Geheimnisse von Kollegen.

          Mailand. Als Nicola Del Roscio sechzig wurde, fragte ihn Cy Twombly, was er sich zum Geburtstag wünsche. Der Italiener war ihm im Alter von zwanzig Jahren als Gärtner begegnet und wurde bald sein Sekretär und Lebensmensch. Del Roscios Geburtstagswunsch: „Einen Picasso.“ Man kann sich vorstellen, wie das in den Ohren eines Künstlers klingt: Bring mir das Werk eines anderen Künstlers. Doch Twombly tat dem Geliebten den Gefallen - und malte ihm einen Picasso.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          1966 versuchte Lucio Fontana, einen Sammler von den abstrahierten Blumenmotiven seines Assistenten Hisachika Takahashi zu überzeugen. Der wollte lieber einen Fontana. Dem Wunsch kam der Erfinder der zerschnittenen Leinwände gerne nach und schnitt mit Zustimmung des Kollegen in ein Gemälde Takahashis.

          Platzhalter statt Originale

          Twomblys hinreißende Picasso-Parodie hing bis vor kurzem im gemeinsamen Haus Twomblys und Del Roscios nördlich von Neapel und war nie öffentlich zu sehen. Auch Fontanas Takahashi, beziehungsweise Takahashis Fontana, wurde selten gezeigt. Jetzt hängen beide zusammen mit neunzig anderen Werken von gut sechzig Künstlern in einer Mailänder Ausstellung namens „Das gestohlene Bild“, kuratiert vom Künstler Thomas Demand in der Fondazione Prada. Sie darf schon jetzt als eine der wichtigsten Ausstellungen des Jahres gelten; nicht nur wegen einer unwahrscheinlichen Anhäufung an Leihgaben, sondern vor allem wegen der bemerkenswerten Weise, in der Demand sie kombiniert.

          In nächster Nähe: Elaine Sturtevants Kopie von Andy Warhols Marilyn (es ist bekannt, dass Warhol der Kollegin bereitwillig seine Drucksiebe auslieh). Eine weitere Marilyn, zum Interieur reduziert in einer Fotografie von Louise Lawler. Ein graues Gemälde Gerhard Richters, das Martin Kippenberger 1987 zu einem Tisch verarbeitete und unter Originalpreis anbot. Francis Picabias Kopie von Duchamps Kopie der Mona Lisa (wobei Picabia den von Duchamp hinzugefügten Bart sehr frei interpretierte). Ein Modigliani, ausgeführt vom legendären Kunstfälscher Elmyr de Hory und gekauft vom Künstler Pierre Huyghe, der ihn mit dem Titel „De Hory Modigliani“ zum Readymade erklärte. Die Reihe schließt spektakulär mit Ingres’ Kopie des Selbstbildnis Raffaels um 1820. Die verschiedensten Zeiten, Genres und Stile hängen nebeneinander, und nichts ist, wie es scheint: statt Originalen nur Platzhalter und Stellvertreter.

          Eine Atmosphäre der Vorläufigkeit

          Um die Bedeutung dieser Schau zu veranschaulichen, denke man sich eine beliebige Gruppenausstellung im Museum, wo die Werke meist in höflichem Abstand zueinander installiert sind, wodurch sie angeblich besser wirken können. Zusammen illustrieren sie ein Thema oder eine These, die in Wand- und Katalogtexten erörtert wird. Demand holt dagegen jedes Werk aus der Komfortzone und lässt es mit anderen zusammenkrachen. Er arbeitet nicht von der abstrakten These her, sondern vom Material; nicht vom Inhalt, sondern von der Form. So entsteht, was so vielen Ausstellungen fehlt: echte Spannung. Ein begehbarer Krimi, der wieder neu die Lust auf Kunst entfacht. Nicht auf Kunst als didaktische Arbeit an einem als unangreifbar präsentierten Kanon; nicht als Best-of der angeblich wichtigsten neuen Positionen. Sondern als kollektiver Prozess des Kopierens, Stehlens, Collagierens und Vandalierens, der die Zeiten durchläuft, mitten durch die befestigten Mauern von Werk, Genre, Stil und Autorschaft.

          Henrik Olesen hat eine Skulptur von Anthony Caro von 1962 nachgebaut, mit Material vom Schrottplatz, und ein verschliertes Foto von George Harrison dran gehängt. Eine herrlich respektlose Hommage, die das Original mit Mitteln der Burleske vom Sockel heteromännlicher Kunstgeschichte holt. Oliver Laric hat schlicht die Eröffnungsausstellung „Serial Classic“ der Fondazione Prada von letztem Jahr dreidimensional gescannt und zeigt die antiken Skulpturen und ihre Kopien aus Jahrhunderten als verflachte Collage im Fries-Format. Die Erinnerung an das abwesende, gestohlene oder erschlichene Werk beherrscht die Räume und schafft gleichzeitig eine Atmosphäre der Vorläufigkeit.

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