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Kykladen-Rückgabe an Athen : Jetzt ist der Raubzug endlich vorbei

  • -Aktualisiert am

Das Badische Landesmuseum setzt in Athen ein Zeichen und gibt wertvolle Kykladenkunst zurück. Mehr als dreißig Jahre lang hatte man zuvor grimmig an einem Schatz festgehalten, der schlicht geraubt worden war.

          Wurden Fähnchen geschwenkt, als die geraubten Werke in die Heimat zurückkehrten? Sangen Kinderchöre, gab es ein Feuerwerk, um sie zu empfangen? Nichts davon. Am Abend zuvor hatten Athens Einwohner noch demonstriert, gegen die Entlassungen von Beamten aus dem Staatsdienst und gegen den Terror der Drogenmafia, die droht, ganze Stadtteile unter ihre Kontrolle zu bringen.

          Am Morgen aber waren die Straßen leergefegt, die Stadt stellte sich still, nur die Vögel zwitscherten und feiner Sand überzog die parkenden Autos, den ein Sturm Tage zuvor aus der Sahara hergetragen hatte.

          Nichts schien darauf hinzuweisen, dass gleich zwei sensationelle Übergaben im Archäologischen Nationalmuseum stattfinden sollten: Zum ersten Mal gibt ein deutsches Museum zwei fast vollständig erhaltene Skulpturen an Griechenland zurück. Und erstmals wird damit zugegeben, dass es in deutschen Museen mindestens einen Direktor gab, der grimmig wie ein Drache auf einem Schatz saß, den man aus Griechenland geraubt hatte, in diesem Fall von den Kykladen, einer Inselgruppe im Ägäischen Meer.

          Jahrelang rührte man sich nicht. Und jetzt das!

          Als vor drei Jahren das Auktionshaus Christie’s in New York einen Rekordpreis für eine kykladische Skulptur erzielte, ließ sich erahnen, wie hoch der reine Geldwert des Objekts lag, das man sich im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe unter den dicken Schuppenbauch geschoben hatte. Fast siebzehn Millionen Dollar wurden für die weibliche Figur bezahlt, die in der Größe kaum die Hälfte des Idols misst, das nun zusammen mit einer Griffschale dem Nationalmuseum übergeben wurde.

          Mehr als dreißig Jahre lang hatten griechische Archäologen protestiert, die Beziehungen zum Landesmuseum abgebrochen, Leihgaben verweigert. Auf deutscher Seite wurden die Zähne nur fester zusammengebissen. Man rührte sich nicht.

          Und jetzt das: Am gestrigen Freitag, pünktlich um elf Uhr, Blitzlichter, Kameras, Mikrofone im Nationalmuseum, Einmarsch der Herren in Anzügen und Damen in Kostümen. Museumsdirektoren, Übersetzer, Journalisten, Botschafter, Politiker, darunter der griechische Minister für Kultur und Sport, Panos Panagiotopoulos, und Jürgen Walter, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg.

          Sie alle versammelten sich vor der Griffschale und der Frauenskulptur, die an diesem Tag niemanden unberührt ließ. Feierlich stand sie im Zentrum, aus Marmor, kaum neunzig Zentimeter in der Höhe messend, die Brüste klein wie Pingpongbälle, die Arme darunter verschränkt, keine Augen, keinen Mund. Vor etwa fünftausend Jahren, in der frühen Bronzezeit, trug sie Gesichtszüge, die ihr Angehörige des Kykladenvolks aufmalten. Es war der Beginn der europäischen Hochkultur, ein Anfang, der bis heute Rätsel aufgibt.

          Die Mehrzahl der Funde stellt Frauen dar

          Berühmt sind die Kykladen noch nicht lange. Die moderne Kunst, Maler und Bildhauer wie Picasso, Brancusi oder Moore, bescherten den Zeugnissen der untergegangenen Kultur Glanz und Elend zugleich. Glanz, weil sie zuvor in der Archäologie als „kleine Scheusale“ verpönt waren, die sich neben den gerühmten Erzeugnissen der klassischen Antike wie ein Albtraum ausnahmen. Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert war es üblich, den künstlerischen Wert jedes Artefakts am Naturalismus zu messen, es war die Moderne, die einen anderen Blick auf prähistorische Funde lehrte.

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