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Kunsttriennale Turin : Unsere Nächte werden heller als eure Tage sein

  • -Aktualisiert am

Melancholie und Welterfindung aus dem Geist eines besonderen Himmelskörpers: Die zweite Kunsttriennale in Turin zeigt, was die Künstler der Gegenwart umtreibt. Und womit die Leiterin der nächsten Documenta derzeit zu tun hat.

          4 Min.

          In Turin liebt man die Schattenseiten des Alls. Zusammen mit London und San Francisco gilt die italienische Stadt als Teil eines „Dreiecks der schwarzen Magie“, Okkultisten pilgern zur Fontana di Frejus, in deren Engel sie Luzifer erkennen wollen; der Alchemist, Astronom und Astrologe Nostradamus trieb sein Unwesen am Hof Emanuele Filibertos - und so ist der Titel dieser Kunsttriennale fast naheliegend: „50 Moons of Saturn“ heißt das Thema, unter das der Kurator der Schau, Daniel Birnbaum, die Triennale gestellt hat, was, einerseits, eine Hommage an die Stadt der Planetenforschung und des Sternenglaubens ist, andererseits ein Versuch, eine Grundstimmung zu umreißen, die viele Werke der jüngeren Kunst beherrscht. Und diese Grundstimmung ist eben nicht nur das Gefühl des Verlusts, eine diffuse Melancholie und Handlungshemmung, die traditionell mit dem Planeten und den in seinem Zeichen grübelnden Künstlern assoziiert werden.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Zeichen des Saturn stehen auch der geschärfte Blick, der aus dem Gefühl des Bedrohten, Prekären wächst, und die Utopie, die im Zentrum der antiken Saturnalien stand: Bei dem römischen Fest zu Ehren Saturns wurden die Klassenunterschiede für einen Moment aufgehoben, Herren bedienten ihre Sklaven. Nichts ist sicher, alles kann anders werden: Saturn ist auch der Gott der metamorphotischen Euphorie, der großen Umstürze, Neuanfänge, Weltentwürfe.

          Apokalyptischer Kampf der Eindeutigkeit gegen die Unbestimmbarkeit

          Eine solche saturnische Utopie zeigt der amerikanische Künstler Paul Chan - der in Turin auch sein neues Langzeitprojekt zu de Sade vorstellt - in seinem Film „Happiness“. Der Film erinnert an die zitternden Welten früher Videospiele; wir sehen einen utopischen Kosmos, in dem Mädchen, die den pathologischen Bilderbüchern Henry Dargers entstiegen zu sein scheinen, über Wiesen hüpfen und wilde Spiele veranstalten, bis man erkennt, dass es sich bei ihnen um Hermaphroditen handelt, um Zwitterwesen mit zwei Geschlechtern. Dass sie in dem Moment, in dem sie ihre Doppelgeschlechtlichkeit enthüllen, vor einem Gemälde von Mark Rothko zu sitzen kommen, ist kein Zufall: Rothko hatte in den vierziger Jahren obsessiv Hermaphroditen gemalt, und auch seine späteren abstrakt glühenden Bilder sind Versuche, mit nebligen Farbfeldern einen hermaphroditischen Raum zu erfinden - einen Raum, der Tiefe hat, aber nicht perspektivisch ist, also kein eindeutiges „Vorn“ und kein „Hinten“ kennt.

          Chan baut diese Utopie weiter: Die klassischen binären Weltordnungskategorien wie „Vorn - Hinten“, „Gestern - Heute“, „Mann - Frau“ zerfallen, es gibt nur noch Fraumänner, die alles können, Rückblenden werden Zukunft; die Zeit, die Kategorien sind aus der Bahn geraten und trudeln haltlos und lustvoll durchs virtuelle All. Dann kommt es in Chans Film zum apokalyptischen Kampf der Eindeutigkeit gegen die Unbestimmbarkeit: Eine brutal mordende Männerarmee versucht, die Hermaphroditen auszurotten und der Eindeutigkeit wieder ins Amt zu verhelfen - aber auch sie wird verschluckt vom ewigen Loop des Films.

          Ein gefährdeter Melancholiker des Weltraums

          Das geheime Zentrum, die Denkfigur hinter dieser Ausstellung (dass sie eine solche, einen Erkenntnisfokus hat, unterscheidet sie wohltuend von den üblichen, thesenlos zusammengerümpelten Kunstbiennalen) ist ein Planet: Ein Mond, der gut in Paul Chans Welt passen würde, ein gefährdetes, exzentrisches Gestirn, das seine Bahn in chaotischen Bewegungen verlässt und allen Kategorien spottet. Hyperion, ein Mond des Saturn, ist ein stark unförmiger Himmelskörper, er trudelt anarchisch in den Schwerkraftfeldern anderer Monde umher, wobei seine Rotationsachse in völlig unvorhersehbarer Weise schwankt; er ist der einzige bekannte Mond im Sonnensystem, der sich so verhält.

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