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Ai Weiwei in Düsseldorf : China als Readymade

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Plakativ und massenwirksam: Ai Weiweis „Circle of animals“ Bild: EPA

An ihm scheiden sich die Geister: Der in Berlin lebende Künstler Ai Weiwei hegt eine Hassliebe zu seiner Heimat China. Jetzt zeigt die Kunstsammlung NRW die unterschiedlichen Phasen seiner Regimekritik.

          Wenn ein Künstler sein Werk so eng an seine Person bindet wie Ai Weiwei, wird er irgendwann wohl zwangsläufig als cleverer Stratege in eigener Sache angesehen – und von manchen auch abgetan. Tatsächlich lässt der in Berlin lebende Exilant keine Gelegenheit aus, sich selbst ins Bild zu setzen. Das war nach seiner 81 Tage dauernden Inhaftierung im Jahr 2011 auch als Ansage an die chinesischen Behörden adressiert: Macht euch keine Illusionen, ich bin noch da. Was Zivilcourage bedeutet, hatte der Dissident mit einem wichtigen Beitrag zum zeitgenössischen Diskurs und zur Öffentlichkeit in China demonstriert, dem 2009 gelöschten Blog, der seither nurmehr in Deutsch und Englisch vorliegt.

          Über Jahre hinweg hatte Ai Weiwei die staatliche Gewalt, ihre Zensur und ihre Geschichtsklitterung kritisiert, hatte seine Stimme erhoben gegen gepanschtes Milchpulver für Babys, obskure Kriminalfälle oder die Praxis, überall im Land historische Baukunst von heute auf morgen zugunsten gesichtsloser Instantarchitektur zu vernichten. „Unser minderwertiges System“ ging der Pekinger Literatensohn so scharf an, dass er einmal von einem der täglich bis zu 100.000 Followern gewarnt wurde, es bitte nicht zu übertreiben: „Wir brauchen Sie. Ihren Blog zu besuchen ist ein Teil unseres Lebens geworden.“

          Grenze zum Peinlichen

          Für seinen Mut hatte der Künstler bezahlt. Erst wurde er krankenhausreif geschlagen (und in München behandelt), dann erfuhr er in dunklen Verliesen, was die psychologische Kriegsführung als „weiße Folter“ bezeichnet. Seine Pein durch den Psychoterror – jeweils zwei Bewacher blieben die gesamte Zeit körperlich auf Tuchfühlung mit ihm – malte Ai in Musikvideos und naturalistischen Dioramen aus und stilisierte sich so, an der Grenze zum Peinlichen, als Märtyrer.

          Ai Weiweis naturalistisches Diorama „S.A.C.R.E.D.“

          Seitdem scheiden sich an seiner exemplarischen Künstlerpersona die Geister. Warum das so ist, bezeugt jetzt noch einmal eine monumentale Ausstellung in beiden Häusern der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen: Kaum ein Künstler der Gegenwart zeigt seine Stärken so unmissverständlich wie seine Schwächen, selten sind Kitsch und kühle Konzeptkunst so deutlich aufgeteilt wie in Düsseldorf.

          Im Stammhaus in der Altstadt sieht man sich wie in einer Zeitmaschine in die späten achtziger Jahre zurückversetzt, als in der Grabbehalle noch großräumige Installationen von Dani Karavan, Richard Long und Richard Serra ausgebreitet wurden. In einer seiner besten Arbeiten erinnert Ai an das Erdbeben von Sichuan (2008) und besonders an die fünftausend Kinder unter den 70 000 Opfern, die, so die Recherchen des Künstlers, wegen Korruption und Pfusch am Bau ihr Leben verloren.

          Der Saal als Leichenhalle: Installation „Straight“

          164 Tonnen Armierungseisen hatte Ai mit Mitstreitern aus dem Bauschutt geborgen und wieder geradegebogen, nun sargt er sie in Transportkisten ein und verwandelt den Saal in eine Leichenhalle. Es ist nicht nur die schiere Masse an Material, die beeindruckt; Ai würdigt die Namen der Kinder, indem er sie in einer endlosen Registratur an der langen Wand auflistet. Eine andere, in Düsseldorf nicht zu sehende Version des Mahnmals für Sichuan ruft mit weit weniger Aufwand dieselbe Betroffenheit hervor: ein Laptop, auf dessen Bildschirm jene Namen wie bei einem ewigen Abspann aus einem tragischen Kinofilm ablaufen.

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