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Kunstsammlung NRW : In Kristallgittern - Gerhard Richter in Düsseldorf

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Spätestens nach seiner großen Retrospektive in New York 2002 war Gerhard Richter zum bekanntesten Maler der Gegenwart geworden. Einer Ausstellung seines Werkes in Düsseldorf allerdings fehlt es an Wagemut.

          "Anlaß oder besser Voraussetzung meiner neuen Bilder", schreibt Gerhard Richter 1977 an den Kunsthistoriker Benjamin Buchloh, "ist die gleiche wie bei fast allen anderen Bildern: daß ich nichts mitteilen kann, daß es nichts mitzuteilen gibt, daß die Malerei nie die Mitteilung sein kann, daß sich weder durch Fleiß, Trotz, Irrsinn noch durch sonstige Tricks die fehlende Botschaft von selbst nur so durch das Malen einstellen wird."

          Und doch ist Richter, bei aller Skepsis und Sprödigkeit seines Werks, ein Maler des Als-ob. Wie der einzelne - "der jämmerliche Untertan" - in Kafkas Erzählung "Eine kaiserliche Botschaft" sitzt er am Fenster oder vor dem Spiegel seiner Malerei und erträumt sich die Botschaft, wenn der Abend kommt.

          Kein Bedarf an kritischer Revision

          Gerhard Richter sammelt seinen Ruhm ein. Man kann es ihm nicht verdenken. Spätestens seit im Jahr 2002 das Museum of Modern Art in New York mit 188 Werken die Essenz seines facettenreichen OEuvres präsentierte - "Forty Years of Painting" - und der Beifall um den Globus schallte, war er zu dem geworden, der er für viele längst war: der bekannteste Maler der Gegenwart. So kann die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20 im schwierigen Haus am Grabbeplatz nun 120 Arbeiten des Malers zeigen und das Ganze schlicht "Gerhard Richter" nennen. Wiedersehen ist erwünscht. An kritischer Revision besteht kein Bedarf.

          In der Zusammenschau wird abermals deutlich, daß Richters Werk einen Nebel der Unsicherheit und des Zweifels über alles Wirkliche gelegt hat. Hartnäckig entzieht es sich dem Zugriff der Kunst und dem Blick, der es festzuhalten und zu ergründen sucht. Was bleibt, sind Nachbilder eines Verlusts, stets delikat gemalt. Nicht nur in den romantisch grundierten Landschaften hat das etwas zutiefst Melancholisches. Und hier und da scheint auch Furcht hineinzuspielen, die Bilder der Vergangenheit scharf zu stellen.

          Den Akzent auf die jüngsten Werke gescheut

          Doch auch wenn es nett und unterhaltsam ist, alten Bekannten wie der "Sekretärin" von 1964, dem "Tiger" von 1965 oder dem "Großen Vorhang" von 1967 und den "4096 Farben" von 1974 wieder zu begegnen und sich angesichts der abstrakten Gemälde abermals zu fragen, ob in dieser ästhetischen Bildstörung nicht ein für allemal alles verabschiedet wird, was im Abstrakten Expressionismus und im Informel einst als Dokument des Unbewußten vom Subjekt Zeugnis ablegen sollte, so ist Richters OEuvre doch nicht abgeschlossen. Solange es aber wächst, bleibt in jeder weiteren Werkschau das Problem virulent, was es im Innersten zusammenhält.

          Daß sich der Künstler Gerhard Richter nicht mit dem Erreichten zufriedengibt, spricht für ihn. Deshalb ist es bedauerlich, daß das, was in Düsseldorf allzu gedrängt und nicht immer mit einem Gespür für überzeugende Präsenz vorgeführt wird, im summarischen Zugriff auf den kompletten Richter das Wagnis scheut, den Akzent entschieden auf die jüngsten Werke zu legen: die seit 2001 verstärkt entstandenen "Glasscheiben" und die "stehenden Scheiben", vor allem aber auf die kleine Folge "Silikat" und schließlich auf den monumentalen, neun mal neun Meter messenden C-Print "Strontium".

          Was sich der Malerei als würdig erweist

          All das wird gezeigt, es bespiegelt und bricht das ohnehin schon distanzierte Werk. Den Mut indes, gezielt das Spätwerk auszuleuchten und Richters Produktion von diesem her gleichsam im Krebsgang noch einmal durchzugehen, hat man nicht aufgebracht. Ein solches Vorgehen aber hätte dem Werk Richters eine Frische zurückgewinnen können, die der an Leitmotiven orientierte Überblick vermissen läßt. So wirken einige Räume nostalgisch, und die zuletzt entstandenen Arbeiten runden das Werk scheinbar routiniert ab.

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