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Kunstsammler Pietzsch : Wenn es schiefgeht, freuen sich meine Erben

Heiner und Ulla Pietzsch wollen ihre Sammlung mit Gemälden des Surrealismus der Berliner Nationalgalerie schenken. Dafür sollen die Alten Meister aus ihrem Domizil ausziehen. Ein Kulturkampf droht. Was sagen die Sammler selbst dazu?

          Wer die Berliner S-Bahn-Station „Grunewald“ am südlichen Ausgang verlässt und dann nach links abbiegt, tritt in eine andere Zeit. Es ist der alte Westen, der hier überdauert hat, das goldene West-Berlin mit seinen Gartenpartys, seinen Unternehmervereinen, seinen Opernabonnenten und Wannseesegelklubs. Und seiner Furcht vor der roten Flut. Heute, so scheint es, hat sie sich in eine diffuse Angst vor der Gegenwart verwandelt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In der Gustav-Freytag-Straße trotzt fast jedes Haus mit Säulchen, Architraven, Erkern und Gesims dem Ansturm des Funktionalen. Nur eine zweistöckige Villa auf der Südseite der Straße bekennt sich tapfer zur kubischen Geometrie. Über dem Eingang hängt eine stilisierte Sonnenuhr aus Stahlstäben. Im Vorraum hinter dem dunklen Glasportal wacht ein kämpferisch dreinblickender Ranger mit Schlagstock und Wandtelefon. Der Besucher kramt gerade seinen Personalausweis aus dem Portemonnaie, als er entdeckt, dass der Wachmann eine Puppe ist, eine hyperrealistische Skulptur von Duane Hanson. Und das Telefon, unverbunden, stammt von der Künstlerin Rebecca Horn. Da öffnet sich auch schon die Zwischentür ins Hausinnere, und heraus treten Ulla und Heiner Pietzsch.

          In jüngster Zeit war in Zeitungen, Magazinen und im Internet viel über das Ehepaar Pietzsch zu lesen. Seine Surrealistensammlung, hieß es, sei der Anlass für die Umzugspläne der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bei denen die Alten Meister aus der Gemäldegalerie ausquartiert werden und zum Großteil ins Depot wandern sollen, der Sargnagel für eine der wichtigsten klassischen Bildersammlungen der Welt. Und: Die Sammlung Pietzsch sei den Aufwand nicht wert. Es sei „unverantwortlich“, erklärt der Verband Deutscher Kunsthistoriker in einem offenen Brief, den inzwischen fast viertausend Fachleute und Laien unterschrieben haben, „wenn mit dem Hinweis auf die Schenkungsbedingungen einer Privatsammlung surrealistischer Kunst Druck auf intakte Museen von Weltrang aufgebaut“ werde - zumal der angegebene Marktwert der Sammlung von 150 Millionen Euro „angesichts heutiger Auktionspreise auf höchstens eine Handvoll höchstrangiger Werke“ schließen lasse.

          Gelb-orange glühendes „Massaker“

          Nur eine Handvoll? Heiner Pietzsch zeigt auf die Wände rings um das fernseherfreie Kamin- und Wohnzimmer, das mit der im ersten Stock umlaufenden Galerie den Hauptraum des Hauses bildet. Da hängen zwölf Bilder von Max Ernst, sieben Magrittes, vier Dalís und ein halbes Dutzend Mirós, darunter jenes Pastiche auf braunem Grund von 1925, auf das Pietzsch immer wieder verweist, wenn es um die Qualität seiner Sammlung geht. Dies sei das letzte Miró-Gemälde in Privatbesitz, wiederholt er ein weiteres Mal, das direkt nach der Wendung des Malers zur Abstraktion entstanden sei. „Ein Schwesterbild ist gerade für fünfundzwanzig Millionen Dollar versteigert worden.“

          Die Villa Pietzsch ist kein Museum. Ihre Schätze hängen dicht an dicht wie Reproduktionen in einem Künstlercafé: hier ein Tanguy von 1942, dort ein Großformat („Die Begegnung“) von Paul Delvaux aus demselben Jahr, dahinter, im japanisch-kühl dekorierten Esszimmer, eine Traumszene („Laufen Sie, meine Damen, ein Mann ist im Rosengarten“) von Max Ernsts Muse Leonora Carrington, ein Lieblingsbild von Ulla Pietzsch. Zu den Werken, die einen der seltenen Ehrenplätze besetzen, gehören Balthus’ Porträt des Ehepaars Leiris und, im oberen Treppenhaus, Neo Rauchs „Fluchtversuch“, eine der wenigen politisch expliziten Rauch-Szenen: im Hintergrund ein LPG-Schuppen aus der DDR, im Vordergrund eine Kutsche mit Achsbruch, Schergen in preußischen Uniformen, die Dissidentin im hellbraunen Kleid. Eine Allegorie, schlackenlos, klar; ein Meisterstück.

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