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Kunstrestitution : Das Unglück der Ria Munk

Das Linzer Lento Museum gibt Gustav Klimts Porträt der Ria Munk an die Erben der Familie zurück. Im Hintergrund des Bildes steht eine tragische Geschichte aus der NS-Zeit. Jetzt kommt das anmutige Bild auf den Auktionsmarkt.

          Es ist eine weitere Restitution, die das Herzstück eines österreichischen Museums betrifft. Das Lentos Museum in Linz hat auf Beschluss des Gemeinderats der Stadt bereits vor einem Jahr Gustav Klimts als „Damenbildnis“ bekanntes Porträt der Ria Munk an die Erben der Familie zurückgegeben; jetzt kommt es auf den Auktionsmarkt. Und es ist eine weitere tragische Geschichte, die Zeugnis ablegt über die langen Schatten der nationalsozialistischen Untaten.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Klimt malte die junge Frau mit dem träumerischen Lächeln und den schönen dunklen Augen in den Jahren 1917/18. Es ist ein postumes Bildnis; denn sechs Jahre zuvor hatte sich Ria Munk im Alter von vierundzwanzig Jahren das Leben genommen. Sie schoss sich in die Brust, aus unglücklicher Liebe, so heißt es. Der Mann, dessentwegen sie es tat, soll übrigens der umstrittene deutsche Schriftsteller Hanns Heinz Ewers gewesen sein, der 1911 den schlüpfrigen Roman „Alraune“ verfasste und 1913 das Drehbuch schrieb für den später legendär gewordenen Film „Der Student von Prag“ mit Paul Wegener. Rias Mutter, Aranka Munk, beauftragte Klimt nach dem Tod ihrer Tochter, diese zu malen. Es soll insgesamt drei Bilder gegeben haben; eines davon soll Klimt später zu der zauberhaften „Tänzerin“ hin abgeändert haben, die heute in New York in der „Neuen Galerie“ für deutsche und österreichische Kunst von Ronald Lauder zu betrachten ist.

          Vor ein paar Jahren erhoben die Erben der Schwestern von Ria Munk Ansprüche auf das „Damenbildnis“ in Linz. Womöglich belehrt durch das unselige Gezerre um die fünf hochbedeutenden Klimt-Werke im Wiener Belvedere aus Bloch-Bauer-Besitz, die Österreich schließlich 2006 an deren rechtmäßige Erbin Maria Altmann in Kalifornien zurückgeben musste, schritt man in Linz relativ ruhig und ohne Aufsehen zur Prüfung. Streitig und zu untersuchen war, ob es sich bei Ria Munks Porträt um dasselbe Bild gehandelt haben könne, das die Nationalsozialisten 1942 im Haus von Aranka Munk in Bad Aussee konfiszierten. Den Ausschlag für die Restitution gab wohl die schriftliche Erklärung des Enkels einer in der Villa in Bad Aussee damals angestellten Person, dass er das Bild 1942 dort noch als neunjähriger Junge gesehen hatte. Dahinter verbirgt sich eine tragische Historie.

          Nationalsozialistische Schatten

          Ria Munks Mutter Aranka war die Tochter von Charlotte Pulitzer und die Schwester von Klimts großer Wiener Förderin Serena Lederer – auch deren Bildnis von Klimt aus dem Jahr 1899 ist berühmt, zumal sich Vermutungen um das Verhältnis zwischen ihr und Klimt ranken –, die mit ihrem Mann, dem Industriellen August Lederer, eine eminente Sammlung des Künstlers zu dessen Lebzeiten aufbaute.

          Gustav Klimt starb 1918 über der Fertigstellung des „Damenbildnisses“, was diesem den zusätzlichen Reiz des Unvollendeten verleiht. Aranka Munk indessen, geboren 1862 in Budapest und seit 1913 von ihrem Mann geschieden, zog sich, hochbetagt, 1938 in eine Villa in Bad Aussee zurück. Neben anderen Bildern wird sie auch das Porträt ihrer früh aus dem Leben geschiedenen Tochter Ria, das wohl bald nach Klimts Tod in ihren Besitz übergegangen war, mitgenommen haben. Der Inhalt ihrer Villa wurde 1941 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Das Porträt von Ria Munk gelangte in die Hände des dubiosen Händler-Sammlers Wolfgang Gurlitt, der seit 1940 ebenfalls in Bad Aussee lebte. Im Jahr 1953 ging ein großer Teil der Sammlung Gurlitts in das heutige Lentos Museum dort über, darunter Rias Bildnis. Aranka Munk wurde mit ihrer Tochter Lola im Oktober 1941 nach Lodz deportiert, wo sie Wochen später starb. Ihre Tochter Lola wurde in das Vernichtungslager Chelmno verbracht und dort 1942 ermordet.

          Zerbrechliche Anmut auf globalen Märkten

          Die Stadt Linz war gut beraten, dieses hinreißende Bildnis der Ria Munk an die Erben nach Aranka Munk zu restituieren – auch ein leisester Zweifel soll vor einem solchen Schicksal unbedingt verstummen. Am 23. Juni nun wird „Damenbildnis (Porträt Ria Munk III)“ in London bei Christie’s versteigert werden. Der Kampf hinter den Kulissen um die Vermittlung dieses kardinalen Werks muss nicht weiter interessieren. Dass die demnächst bekanntgegebene Schätzung bei vierzehn bis achtzehn Millionen Pfund liegen wird, darf aber auch nicht verschwiegen werden.

          Die bereits bezahlten Preise für Klimt-Werke dieser Kategorie suchen ohnehin ihresgleichen. Und das ist schon fast ein Appell: Der globalisierte Markt wird mitbieten können – und wird Ria Munks zerbrechliche Anmut irgendwohin verschwinden lassen können, wenn es dem Meistbietenden passt. Wohl nur ein Einziger kann sie für die Öffentlichkeit erhalten: Ronald Lauder, der Herr über die „Neue Galerie“ in New York.

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