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Kunstraub und Terror : Die Tempel der Isis

Immer wieder machte der Kunsthandel lukrative Geschäfte mit dem organisierten Verbrechen. Neuerdings kommt die Terrorgruppe IS dazu: Mesopotamien wird ausgeplündert, die Gewinne finanzieren Massaker. Aber wer kauft die ganze Raubkunst?

          Vor einigen Jahren, lange vor dem Bürgerkrieg, wurden an der Grenze zwischen Syrien und dem Irak auf der syrischen Seite einige sehr aufwendige neue Straßen gebaut. Niemand wusste genau, wohin diese Straßen führen sollten, viele versandeten wenig später einfach wieder - nachdem die Bauarbeiter, kaum dass sie mit der Arbeit begonnen hatten, schon bei den ersten Spatenstichen erstaunliche Funde gemacht hatten: wertvolle Antiken, jahrtausendealte mesopotamische Kunstwerke tauchten aus dem Erdreich auf. In solchen Fällen kommt dann die örtliche Polizei, die Angelegenheit wird dokumentiert, das Fundstück registriert und wenig später dem erfreuten internationalen Antikenhandel präsentiert.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Schon vor sechs Jahren wunderte man sich bei Interpol in Lyon über die sich eigenartig häufenden Straßenbau- und anderen Zufallsfunde aus Syrien. Dabei ist es nicht unüblich, dass man dort immer wieder erstaunliche Schätze findet: Wie der Irak gehört auch das heutige Syrien zu jenem Land, in dem Babylonier und Assyrer herrschten; jede Erhebung kann einen alten Tempel verbergen.

          Seltsam fand man bei Interpol damals nur die Häufung äußerst schöner Funde in sehr kurzer Zeit auf syrischem Gelände, ein Phänomen, das umso auffälliger war, als man damals erst vor kurzem den Handel mit Antiken aus dem Irak verboten hatte - und plötzlich war es, als seien all die antiken Meisterwerke, die in den Tiefen des mesopotamischen Bodens lagerten, unterirdisch unter der Grenze des Iraks hindurchgewandert, um sich auf syrischer Seite bequem ausgraben zu lassen.

          In Wirklichkeit stammen viele Schätze aus irakischen Museen

          Die internationalen Vorschriften, erklärt uns auf Nachfrage ein Interpol-Mitarbeiter, untersagten damals zwar den Import von nicht genau dokumentierbaren Antiken aus dem Irak, nicht aber aus Syrien - und der Nachweis, dass ein mesopotamisches Objekt aus dem Irak und nicht aus dem zehn Kilometer entfernten syrischen Grenzland stamme, sei praktisch unmöglich. Vieles, was angeblich in Syrien im Boden lag, so war schon damals der Verdacht, stamme in Wirklichkeit aus irakischen Museen, die ihre Bestände selten katalogisiert hatten und nach dem Einmarsch der Amerikaner systematisch geplündert wurden.

          Um das internationale Handelsverbot zu umgehen, hat man die Beute dann einfach auf die syrische Seite gebracht, vergraben und als Fund deklariert, ein damals erfolgreicher Trick, der heute nicht mehr funktioniert, weil inzwischen auch die Ausfuhr von Antiken unklarer Herkunft aus Syrien verboten ist.

          Aber wozu der ganze Aufwand? Der Fall, der gerade die Medien beschäftigt, handelt von einem Streitwagen aus Ton, den das Auktionshaus Gorny & Mosch im Juni dieses Jahres für 3000 Euro versteigert hat. Mehrere Journalisten behaupten, es handele sich dabei wahrscheinlich um einen Fund aus einer illegalen Grabung, das Auktionshaus weist weitreichende Vorwürfe zurück und verweist auf den Einlieferer, der das Objekt für 500 Euro gekauft haben soll.

          Was Antiken fürs organisierte Verbrechen interessant macht

          Dreitausend, fünfhundert Euro - klingt erst einmal nicht nach großem Verbrechen und großem Geschäft, aber das täuscht. Illegaler Kunsthandel, sagte uns vor ein paar Jahren der auf Kunstraub spezialisierte römische Staatsanwalt Paolo Giorgio Ferri, bringe dem organisierten Verbrechen nach dem Drogen- und Waffenhandel die größten Gewinne; die Gewinnspannen seien für alle Beteiligten enorm.

          Die Raubgräber, die Anfang der siebziger Jahre die Vase des Euphronios aus einem illegal geöffneten etruskischen Grab stahlen, waren von ihren Auftraggebern mit knapp 9000 Dollar abgespeist worden; der angesehene amerikanische Kunsthändler Robert E. Hecht hatte die Vase dann 1972 für eine Million Dollar an das Metropolitan Museum in New York verkauft - und behauptet, er habe sie von einem Händler in Beirut erworben.

          Was Antiken fürs organisierte Verbrechen neben den enormen Gewinnspannen so interessant macht, ist nicht ihre spektakuläre Schönheit, sondern ihre relative Unauffälligkeit: Kaum jemand kann einschätzen, ob ein kleiner Apoll 1,6 oder 4,5 Millionen Dollar wert ist. Der Kunsthändler Robin Symes, ein Experte für Scheingeschäfte, hatte etwa, bevor er ins Gefängnis kam, einen solchen ägyptischen Apoll für 1,6 Millionen Dollar an die Firma Philos verkauft; die Ermittler fanden allerdings heraus, dass diese Firma gar nicht existierte und die Figur tatsächlich für 4,5 Millionen Dollar an einen Scheich verkauft worden war.

          Lateinamerikanische Drogenhändler sind eher wenig kunstsinnig

          Der Zoll ist oft sogar überfordert davon, einzuschätzen, ob ein Marmorkopf wirklich, wie vom Besitzer deklariert, aus den Händen seiner Großmutter stammt und 3000 Euro, oder das Werk eines großen antiken Künstlers und Hunderttausende wert ist. Man kann deswegen wertvolle antike Statuen sehr gut als Sicherheit bei größeren Drogengeschäften hinterlegen, man kann mit ihnen große Werte relativ gefahrlos transportieren.

          Eine Überweisung von einer halben Million Euro ist für Fahnder leicht nachzuvollziehen. Wer mit einem Koffer mit einer halben Million Dollar erwischt wird, hat ein Erklärungsproblem, wer Drogen im gleichen Wert im Kofferraum hat, geht ein paar Jahre ins Gefängnis - wer mit einem Cäsarenkopf erwischt wird, kommt am glimpflichsten davon. Manch einen antiken Kopf sollen die Ermittler im Gepäck von ansonsten wenig kunstsinnigen lateinamerikanischen Drogenhändlern gefunden haben.

          Aber woher kommen die neuen Plünderer im Irak und in Syrien, und für wen arbeiteten sie? Einer der ersten, die vermuteten, dass ihre Auftraggeber nicht nur skrupellose Kunsthändler und Mafiosi waren, sondern Terroristen, war der amerikanische Journalist Hugh Eakin. In einem 2007 erschienenen Artikel zitiert er den amerikanischen Colonel Matthew Bogdanos, der im Irak in illegalen Waffenlagern auch Raubkunst fand und behauptete, mit dem Antikenhandel würde auch der Terror finanziert.

          In Palmyra schneiden Grabräuber Mosaike aus dem Boden

          Das galt damals als Verschwörungstheorie, nach den Verwüstungsakten der Tabilan hielt man islamistische Terroristen für Leute, die Kunst sehr viel lieber in die Luft jagen, als sie zu verkaufen. Jetzt weiß man es besser. Schon im Juni hatte der „Guardian“ berichtet, dass kurz vor der Einnahme der irakischen Stadt Mossul Hunderte von Computersticks sichergestellt wurden, denen zu entnehmen war, dass Vorläuferorganisationen des IS sich schon seit 2011 über Plünderungen, Raubgrabungen und Antikenhandel finanziert - eine naheliegende Einnahmequelle, denn auf dem eroberten Gebiet liegen allein 2400 archäologische Stätten.

          Die ARD-Dokumentation „Das geplünderte Erbe - Terrorfinanzierung durch deutsche Auktionshäuser“ versuchte dann vor kurzem die Vertriebswege der IS-Raubkunst nachzuweisen: Man bringe die Werke mit Lastwagen in Nachbarländer, vor allem in die Türkei und nach Dubai, wo sie im Freihafen gefälschte Papiere bekämen, bevor sie in München im Kunsthandel auftauchten. Bekannt ist, dass in der Ruinenstadt Palmyra seit Monaten Raubgräber Mosaike aus dem Boden schneiden und Friese abnehmen, und allein die Objekte, die man in den Qalamoun-Bergen westlich von Damaskus gefunden habe, sollen nach einem Bericht der „Berliner Zeitung“ der Terrormiliz 36 Millionen Dollar eingebracht haben.

          All das wirft ein paar Fragen auf: Wer kauft überhaupt Antiken aus so trüben Quellen, angesichts derer jeder seriöse Experte vom Kauf abraten würde? Wer sind die Abnehmer? Jeder illegale Markt braucht Kunden, zumal der Handel riskanter geworden ist: Allein Italien beschäftigt eine 300 Mann starke Spezialeinheit der Carabinieri, die Tutela Patrimonio Culturale, die größte Polizei-Einheit der Welt zur Bekämpfung von Kunstraub.

          Einer der größten Kunstraubskandale des 20. Jahrhunderts

          „Wir haben die Bewegungen im Auge“, sagt ein Mitarbeiter der Einheit in Rom, als wir ihn anrufen, will aber wegen laufender Ermittlungen nichts sagen und lieber über den Schnupfen sprechen, den er sich bei einem Kälteeinbruch in Rom zugezogen habe und der ihn hörbar am Reden hindert. Seine Einheit war vor einigen Jahren an der Aufklärung eines der größten Kunstraubskandale des 20. Jahrhunderts beteiligt - ein Fall, bei dem es um mindestens 350 illegal in die Vereinigten Staaten geschmuggelte Antiken im Wert von über hundert Millionen Euro ging und der zeigte, wer oft die Abnehmer von zahllosen Raubkunstwerken sind: eben nicht nur zwielichtige Privatsammler, sondern große, international bekannte Museen.

          Begonnen hatten die Ermittlungen 1994, als Fahnder acht antike Vasen suchten, die aus dem Burgmuseum von Melfi gestohlen worden waren. Man stieß auf einen zwielichtigen Kunsthändler mit dem schönen Namen Giacomo Medici, der von Genf aus eine in Panama registrierte Firma namens Edition Services betrieb. Am frühen Nachmittag des 13. September 1995 drangen Spezialeinheiten in Medicis Lager ein und fanden dort Antiken im Wert von etlichen Millionen Dollar, dazu etwa viertausend Fotografien von gestohlenen und illegal ausgegrabenen Fresken, Mosaiken, Skulpturen und Amphoren.

          Praktischerweise bewahrte Medici in seinem Lager nicht nur die Liste der für ihn arbeitenden „Tombaroli“, der Grabräuber, auf, sondern auch Frachtbriefe und Lieferscheine, die sein Kundennetz verrieten - und diese Liste las sich wie ein offizieller Museumsführer. Einer der Hauptabnehmer für gestohlene Antiken war Marion True, die Leiterin der Antikenabteilung der Getty Foundation, die kaufte, was sie bekommen konnte: für 10,2 Millionen Dollar Objekte aus einer Raubgrabung bei Neapel, einen goldenen Begräbniskranz, dessen illegale Herkunft damals sogar Interpol bekannt war.

          Private Kunden aus Moskau und den Golfstaaten

          Die Ermittlungen gegen Marion True fielen zusammen mit denen gegen Barry Munitz, den damaligen Präsidenten des Getty Trust. Munitz, der von Getty eine Million Dollar Jahresgehalt bezog, führte, sozusagen passend zu den Objekten, die sein Museum zeigte, ein Leben, an dem die Cäsaren der Verfallszeit auch ihre Freude gehabt hätten: Porsche Cayenne als Dienstwagen, Charteryachtpartys, 1000-Dollar-Abende in guten Restaurants für sich und seine Frau Anne T. Munitz, die er liebevoll ATM rief - das amerikanische Kürzel für Geldautomat. Das war ein bisschen viel, sogar für die reichste Stiftung von Los Angeles.

          Munitz wurde entlassen, und wo man schon dabei war, schaute man sich gleich noch Trues für eine Kuratorin erstaunliche Besitzungen an, vor allem ihr Ferienhaus auf der griechischen Insel Paros, dass sie, wie man jetzt feststellte, mit einem 400.000-Dollar-Darlehen des Londoner Kunsthändlers Christos Michailidis finanzierte.True hatte bei Michailidis, der 1999 bei einem eigenartigen Treppensturz ums Leben gekommen ist, für rund dreißig Millionen Dollar Antiken erworben; das Haus war also vielleicht auch ein Dankeschön des Grauzonenhandels an einen treuen und skrupellosen Großabnehmer.

          Die europäischen und amerikanischen Museen sind spätestens seit dem Getty-Skandal alarmiert. Dafür drängen neue Kunden in den Antikenmarkt. Auf der internationalen Kunst- und Antiquitätenmesse Tefaf in Maastricht berichten Händler von Einkäufern für private Kunden in Moskau und in den Golfstaaten, die ihre Villen im pseudoantiken Stil mit echten Antiken bestücken wollen und denen die Herkunft der Objekte nachdrücklich egal sei - Hauptsache echt und selten.

          All das hat, wie der Fall Getty zeigt, Tradition. Antikenhandel war lange ein Gentlemen’s Agreement mit Handschlag und ohne allzu ernste Provenienzforschung; das ändert sich jetzt ein wenig, das Bundeskulturministerium will den illegalen Handel per Gesetz bekämpfen, Experten fordern für jedes angebotene Werk den Nachweis einer Grabungserlaubnis, Inventarnummern und Exportgenehmigungen, eine neue EU-Verordnung verbietet den Handel von allen historischen und archäologischen Kulturgütern aus Syrien, die rechtswidrig ausgeführt wurden - bizarrerweise gilt eine Ausnahme für diejenigen Antiken, die nachweislich vor dem 9. Mai 2011 aus Syrien ausgeführt wurden, eine Ausnahme, über die sich die Freunde und Kunden der großen syrischen Straßenbauer sehr freuen werden.

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