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Kunstmetropole Detroit : Es war einmal Amerika

  • -Aktualisiert am

Die Industrie ist tot, es lebe die Kunst. In der Geisterstadt Detroit lenken die Künstler Matthew Barney und Jonathan Bepler mit einer sensationellen Performance die Blicke auf die neue Kunstmetropole.

          Das Erste, was beim Landeanflug auf Detroit auffällt, ist die Leere, das Ländliche. Eingefasst von Feldern, den klaren großen Seen und der kanadischen Grenze im Westen, sieht Nordamerikas berüchtigte Industriehochburg von oben erstaunlich idyllisch aus. Und natürlich täuscht das: Detroit steht wie kein anderer Ort für den Auf- und Abstieg der amerikanischen Wirtschaftsmacht. Hier erfand Henry Ford Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Massenproduktion, machte durch die Erhöhung von Löhnen seine eigenen Arbeiter zu seinen besten Kunden und katapulierte das Auto in den Mittelpunkt des amerikanischen Lebens, wo es immer noch steht - allerdings immer öfter aus ausländischer Produktion.

          Die „Großen Drei“, General Motors, Ford und Chrysler, trieben über Jahrzehnte von Detroit aus die Wirtschaft des ganzen Landes an, überstanden die Ölkrise, bauten seit den neunziger Jahren noch größere Autos, die noch mehr Treibstoff verbrauchten. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Letztes Jahr meldeten sowohl General Motors als auch Chrysler Insolvenz an. Waren es in den fünfziger und den sechziger Jahren der wirtschaftliche Aufstieg und die Angst vor Rassenunruhen, die weiße Mittelstandsfamilien in die Vororte trieben, so sind es heute Arbeitslosigkeit und Subprimekrise, die Detroits Zentrum in eine Geisterstadt verwandeln. Schätzungsweise 33000 Häuser und 19 000 Grundstücke stehen mittlerweile leer.

          In der Leere blüht die Kunst

          Nur eine Branche boomt in dieser sozial und ökonomisch gebeutelten Region - die Kunst. Als symbolträchtiger Ort, an dem Hybris und Verfall aufeinanderprallen, ist Detroit in der letzten Zeit zu einem beliebten Motiv zeitgenössischer Künstler geworden. Für seinen Beitrag zur fünften Berlin-Biennale verbrachte Tris Vonna-Michell zwei Monate in der Geburtsstadt seines Vaters. Der junge amerikanische Künstler Jordan Wolfson benutzt den brüchigen Asphalt Detroits als Hintergrund für seine Videoarbeit „Con Leche“, und auch Künstlergrößen wie Mike Kelley realisieren hier Projekte. Kelley, der 1954, zum Höhepunkt der wirtschaftlichen Blütezeit, in Detroit geboren wurde, hat das Einfamilienhaus, in dem er aufwuchs, nachbauen lassen, um es auf einem Lastwagen aus dem Vorort in die Innenstadt zu fahren. Dort steht es zur Zeit vor dem zeitgenössischen Museum MOCAD - als im Wortsinn deplaziertes Monument und Hommage an eine verlorene Zeit; nächstes Jahr soll es zum Gemeinschaftszentrum umgebaut werden.

          Der Höhepunkt der künstlerischen Aktivitäten in Detroit war bisher allerdings eine Performance: An einem grauen Oktoberwochenende haben Matthew Barney und sein langjähriger musikalischer Begleiter Jonathan Bepler zu einer einmaligen Aktion eingeladen. „KHU“ ist der zweite Akt des siebenteiligen Performancezyklus „Ancient Evenings“, der über die nächsten Jahre an verschiedenen Orten aufgeführt wird. Basierend auf dem gleichnamigen Roman Norman Mailers, beschreibt das Werk die sieben Stufen der ägyptischen Seelenwanderungen vom Tod zur Wiederauferstehung. Mailers Protagonist ist der Ägypter Menenehet I., der drei Reinkarnationen durchläuft; in Barneys und Beplers Version wird er von einem Auto, dem grünen Chrysler Crown Imperial aus Barneys „Cremaster 3“, besetzt.

          Im Klang des industriellen Niedergangs

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