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Jochen Gerz zum Achtzigsten : Ihn fürchtet die Kunst

Jochen Gerz Bild: ddp Images

Demokratie und Gesellschaft im Fokus seines Werkes: Heute wird Jochen Gerz, der nimmermüde Kunstkritik-Künstler im Dienste aller Denkenden, achtzig Jahre alt.

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          Im Kern war schon 1972 zur Selfie-Debatte alles Wesentliche gesagt: In diesem Jahr stellte sich Jochen Gerz in der Baseler Innenstadt zwei Stunden lang neben sein lebensgroßes fotografisches Abbild. Von wegen „Auraverlust“ bei Reproduktionen – die Passanten hatten fast ausschließlich Augen für die Fotografie und suchten auf ihr das realitätsferne Geheimnis. Das zur Kunst veredelte Abbild hatte den banalen Menschen aus Fleisch und Blut verdrängt. Damals in Basel wurde Gerz zum Medium, und dies ist er als widerwillig vermittelnder Anbieter zwischen Subjekt und dem, was einst ehrfurchtsvoll „die Kunst“ geheißen wurde, bis heute geblieben.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Kunst als edelzivilisatorische Äußerung kann der 1940 in Berlin geborene Gerz nach den barbarischen Einbrüchen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr ernst nehmen und nimmt sie eben durch den konstanten Zweifel ernst, verleiht ihr im Bestfall neue Glaubwürdigkeit. In Gerz’ Vorstellung führt vermutlich ein langer, steiniger Korridor der Katharsis vom demokratischen Subjekt zu einem nicht einfach zu öffnenden Schrank am Ende dieses Tunnels, in dem neben den verbrieften Grundrechten des Menschen auch „die Kunst“ liegt: ein – leider oft immaterielles – Werkzeug mündiger Meinungsäußerung, eine „res publica“, also eine „öffentliche Sache“ zur Ausübung, bisweilen auch eine Waffe. Das ist meilenweit entfernt vom optimistischeren „Jeder Mensch ist ein Künstler“ eines Joseph Beuys, stimmt dennoch im Wesen mit dieser aufklärerischen Haltung überein, so dass Gerz mit dem Sozialplastiker 1976 erfolg(en)reich den Deutschen Pavillon in Venedig betreiben konnte.

          Spuren in diesen gesellschaftlich zuvor unbeachteten Arealen hinterlassen

          Vom Tschernobyl-Jahr 1986 an ersann er zahlreiche „Antimonumente“. Das Bekannteste ist wohl der zusammen mit Esther Shalev-Gerz konzipierte bleiummantelte Zwölf-Meter-Pfeiler „Mahnmal gegen Faschismus, Krieg und Gewalt“ in Hamburg-Harburg, der von 1986 bis 1993 in sieben Etappen mitsamt allen in dieser Zeit eingeritzten Namensinschriften und Kommentaren in den Boden versenkt wurde. Von dieser unsichtbaren Stele zeugt heute nur noch eine bleierne Bodenplatte; man muss sich als Nachgeborener schon die Mühe machen, die ganze unfassbare Auslöschungsarbeit der Vergangenheit des eigenen Landes in der Imagination nachzuvollziehen oder sich als Unterzeichner auf der Stele an die eigene Reaktion darauf erinnern.

          Aber auch „2–3 Straßen“ im Rahmen der Kulturhauptstadtschaft von Duisburg, Dortmund und Mülheim bei „Ruhr 2010“ kam als partizipatives Projekt sehr leise daher: Insgesamt achtundsiebzig Teilnehmer aus verschiedenen Ländern lebten eine Zeitlang mietfrei in Straßen dieser Städte und schrieben mit achthundert weiteren Bewohnern dort an einem gemeinsamen Buch – die Arbeit daran hat tatsächlich Spuren in diesen gesellschaftlich zuvor unbeachteten Arealen hinterlassen.

          So eignet, seit sich Gerz als gut Zwanzigjähriger der visuellen Poesie verschrieb, seinen Arbeiten stets eine texturale Ebene, als würde er von den auf den Müllhaufen der Geschichte geworfenen Denkmälern als Halt im Wirbel der Zeitläufte nur noch deren einstige Inschriften nutzen und überschreiben. Fast trotzig gegen Adornos Ausschwitz-Diktum setzte er die heftig kritisierte Installation „EXIT – Materialien zum Dachau-Projekt“ (1972–1974), in der er mit klappernden Schreibmaschinen, auslösenden Kameras und Ordnern voller Fotografien die Mechanismen des Museumsinventarisierens – siebzigerjahrehaft institutionenkritisch als „Abtöten“ von Lebendigem aufgefasst – mit dem inventarisierenden „Exit“-Töten der Konzentrationslager verglich. Meist aber kommen seine gefürchteten Textaufgaben leiser daher, nie allerdings harmlos. Heute wird Jochen Gerz, der nimmermüde Kunstkritik-Künstler im Dienste aller Denkenden, achtzig Jahre alt.

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