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Kunstjahr 2007 : Der große Kunstrausch

2007 wird das Jahr der Kunst: Der Boom hält an, im Juni eröffnen gleichzeitig die Biennale von Venedig, die Art Basel und die Documenta - aber wo sollen bloß die ganzen guten Kunstwerke herkommen?

          Vor kurzem gab die Kunstmesse Art Cologne bekannt, nach dem Vorbild der Art Basel Miami einen Ableger zu gründen, die „Art Cologne Palma de Mallorca“, die am 19. September zum ersten Mal beginnt und, wie man hört, direkt am Flughafen von Palma stattfinden soll, was sehr praktisch ist für das Easy-Jet-Set, das von einem Kunstereignis zum anderen düst: Man muss sozusagen gar nicht mehr aus dem Flugzeug aussteigen, um Kunst zu kaufen. Die Messe am Flughafen abzuhalten ist nur folgerichtig, zumal sich das Zentrum der Gegenwartskunst mittlerweile nicht mehr in Paris oder New York befindet, sondern auf den internationalen Flughäfen - was vor allem daran liegt, dass es mittlerweile so viele Messen und Biennalen gibt, dass man sich wundert, wann die hauptsächlich im Luftraum zwischen den Events zirkulierenden Kuratoren und Künstler überhaupt noch Ausstellungen planen und Kunst machen sollen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          In diesem Jahr erwartet die Kunstwelt eine Ballung von Kunstereignissen, die jetzt schon als legendär gilt: Am 10. Juni eröffnet in Venedig die 52. Kunstbiennale; drei Tage später beginnt die Art Basel, bevor am 16. Juni die Documenta 12 in Kassel und einen Tag später in Münster die internationale Großausstellung „Skulptur. Projekte“ eröffnen. Davor sollten, zwischen der Armory Show in New York (23. bis 26. Februar), der „Fine Art Fair“ in Frankfurt (13. bis 15. April) und DC Düsseldorf (19. bis 22. April), noch mindestens sieben weitere Messen abgegrast werden, bevor man im September auf die Kunstschauen von Istanbul und Berlin fliegen muss - und es ist fast schon seltsam, dass niemand bisher auf die Idee gekommen ist, den bald leerstehenden Berliner Flughafen Tempelhof zur ultimativen Kunstfabrik mit Galerien und Ateliers umzubauen, in der den Sammlern die Werke frisch ans Flugzeug geliefert werden.

          Die Künstler streiken

          Die Ereignisquadriga aus Documenta, Venedig, Art Basel und Münster wird von den Optimisten der Branche schon jetzt als Höhepunkt des Kunst-Booms und endgültiger Durchbruch der Gegenwartskunst als Massenphänomen gefeiert. Nun wird, solange nach wie vor ungebremst Geld aus Hedgefonds und kleineren Privatvermögen, aus Asien und Russland in den Markt spült, die vielbeschworene Kunstmarktblase auch bis auf weiteres nicht platzen, aber bei der Qualität dessen, was man auf Messen und Biennalen zu sehen bekommt, sieht die Lage dann schon gar nicht mehr so rosig aus.

          Denn ausgerechnet im Moment ihres größten Erfolges wird die Kunstszene müde; Künstler, Kuratoren und Direktoren ächzen äußerst laut unter der Last der übergroßen Sympathie, die ihnen von restlos begeisterten Massen, investitionsfreudigen Spekulanten und einmalig unkritischen Kritikern entgegengebracht wird. Neo Rauch will erst mal keine Ausstellungen mehr machen und stattdessen Kirchenfenster gestalten, Isa Genzken, die Künstlerin, die Deutschland auf der Biennale in Venedig vertreten soll, erklärt, das „komplette Kunstsystem brauche dringend Urlaub“, der Berliner Galerist Michael Schultz beklagt gegenüber der „Kunstzeitung“, er wisse nicht, wo er die ganze „Kunst nur hernehmen soll bis zum Frühjahr“, wenn die Messen beginnen - und dass der Documenta-Leiter Roger M. Buergel als ersten Künstler einen Koch nominierte, sahen einige auch als böses Omen. Der innere Kreis der Kunstwelt probt den Aufstand gegen den eigenen Erfolg, und in der Verteufelung „des Betriebs“ ist sich der Betrieb weitgehend einig: Udo Kittelmann vom Frankfurter Museum für Moderne Kunst beklagt „das Rummelplatzgehabe“ des Marktes, Max Hollein, Direktor der Frankfurter Schirn und des Städel, wünscht dem Kunstbetrieb „weniger Auktionsrekorde, Top-Ten-Ranglisten und ,Shooting Stars'“, die Zürcher Ausstellungsmacherin Bice Curiger will „Kunst und nicht Preisrekorde“, und auch Klaus Staeck hat eine Meinung, dass nämlich der Kunstbetrieb „mehr Kunst und weniger Betrieb“ brauche.

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