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Kunsthochschulrektorin Rita McBride : Wir brauchen weibliche Rollenmodelle

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Die Düsseldorfer Kunsthochschule gilt als Tempel der alten Malerfürsten. Die amerikanische Künstlerin Rita McBride will als neue Rektorin für frischen Wind sorgen.

          5 Min.

          Seit dem 1. August dieses Jahres sind Sie Rektorin der Düsseldorfer Akademie, die in den letzten Jahren als eine von Männern, den sogenannten „Malerfürsten“, dominierte Schule bekannt wurde. Ist diese Position für Sie als Frau nicht eine besondere Herausforderung?

          Es ist schon deswegen eine Herausforderung, weil viele bekannte Persönlichkeiten durch diese Akademie als Studenten oder als Lehrende gegangen sind - egal, welchem Geschlecht sie angehörten. Aber was das Geschlecht betrifft: Ich bin in den sechziger Jahren aufgewachsen und hatte zwar schon das Glück, dass meine Mutter sich für Kunst interessierte, aber als ich aufs College kam, waren, bis auf eine einzige Ausnahme, alle Lehrer männlich. Ich erinnere mich, dass ich mich in dieser von Männern dominierten Struktur nicht gut fühlte.

          Wie war es im Studium?

          Als ich zu studieren begann und mit Lehrern wie Michael Asher und John Baldessari in Kontakt kam, begann ich mich für die konzeptuelle Kunst zu interessieren, weil sie weniger auf das Subjekt ausgerichtet war. Dieser Kunst ging es mehr um Ideen, sie benutzte kein Vokabular, das männlich dominiert war. Während dieser Auseinandersetzung stellte ich fest, dass auch ich mehr an Ideen interessiert bin, die ich bildnerisch entwickeln kann. Dies half mir, einen Ort zu finden, wo Gedanken frei von allen geschlechtlichen Konstruktionen sein können. Heute, auch dank des konzeptuellen Denkens, tritt die männliche Dominanz immer mehr zurück, immer mehr Frauen nehmen teil an Ausstellungen ...

          Was war Ihre erste Handlung als Rektorin?

          Die Ernennung kam für mich überraschend, ich hatte damit nicht gerechnet. Ja, dachte ich, seit Jahren unterrichte ich, seit zehn Jahren an dieser Schule, da habe ich einige Erfahrungen - und kann auf der anderen sicherlich viel lernen und vor allem auch einiges ändern ...

          Was, glauben Sie, können Sie ändern?

          Seit Monaten, seitdem ich offiziell zur Rektorin ernannt wurde, habe ich an meiner Antrittsrede gearbeitet. Ich mag diese Akademie sehr, habe aber das Gefühl, dass sie sich in einem alten Jahrhundert bewegt, daher würde ich sie gerne in ein neues überführen. Ich würde sagen, jetzt befindet sich die Akademie, sagen wir: im 18. Jahrhundert. Und ich würde gerne das 21. Jahrhundert erreichen und, warum nicht, die Akademie auf das 25. Jahrhundert vorbereiten: Was haben wir von der Zukunft zu erwarten, welche Rolle werden Künstler und die Kunst in der Zukunft haben? In der Zeit, in der wir jetzt leben, passieren, ausgelöst durch das Internet, große Umbrüche, was die Art des Lebens und des Umgangs mit Bildern betrifft. Aber das ist eine Entwicklung, die wir nicht nur mit einem radikalen Optimismus begrüßen sollten. Sie wissen, ich mache große Skulpturen im Raum, die betreten werden müssen, bei denen die räumliche Erfahrung entscheidend ist. Und diese Skulpturen enden plötzlich als flaches Bild im Internet. Wir alle sammeln Bilder, gehen mit Bildern um, wir machen Skulpturen, die als Bilder enden, die ganze Welt ist voller Bilder, wir kommunizieren über Bilder - also ich möchte herausfinden, wie wir als Künstler in dieser Welt voller Bilder unseren Einfluss beibehalten, vielleicht sogar verstärken können.

          Die Düsseldorfer Akademie zeichnet sich durch das System der sogenannten „Meisterklassen“ aus, die heute als veraltet kritisiert werden. Planen Sie da eine Änderung?

          Ich würde den Name ändern. Aber das System als solches bietet etwas Wunderbares: Schon die Tatsache, dass es jungen Studenten die Möglichkeit gibt, mit älteren Künstlern Erfahrungen auszutauschen und zu erleben, wie sie ihre Ideen ins Visuelle umsetzen, ist eine unglaubliche Bereicherung. Ich denke nach wie vor, dass dies die produktivste Methode ist, jungen Künstler zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden. Selbstverständlich nicht, indem man wie bei den früheren „Meisterklassen“ erwartet, dass sie denselben Weg einschlagen wie ihr „Meister“, sondern indem ältere Künstler den jüngeren helfen, ihre eigenen Ideen zu entwickeln.

          Sie sind Amerikanerin und haben in den Vereinigten Staaten studiert, jetzt machen Sie Erfahrungen mit den deutschen Kunsthochschulen. Was für Unterschiede gibt es da?

          Es gibt sehr große Unterschiede - weil in den Vereinigten Staaten das Studium unglaublich teuer ist, sind die Studenten bemüht, es so schnell wie möglich zu beenden. Auch wollen sie so schnell wie möglich in die Gesellschaft eintreten, Verantwortung übernehmen und der Gesellschaft wieder etwas zurückgeben. Als ich nach Europa kam, war es für mich eine der größten Überraschungen, unter welchen unvorstellbar luxuriösen Bedingungen man hier studiert. Das führt aber auch dazu, dass man hier weniger konzentriert arbeitet, es gibt viel Leerlauf. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, es ist wunderbar, viel Zeit zu haben, wenn man sich das leisten kann, aber ich vermisse eine bestimmte Komplexität. Etwas dazwischen wäre ideal. Denn wenn Sie als Künstler erfolgreich sein wollen, dann müssen Sie einfach jeden Morgen aus dem Bett, wenn möglich früh, und sich an die Arbeit machen ...

          Es heißt immer, dass amerikanische Künstler viel eloquenter als europäische sind, viel besser über ihr eigenes Werk reflektieren und sich besser in der aktuellen theoretischen Diskussion orientieren könnten. Könnte das daran liegen, dass in den amerikanischen Schulen viel mehr Gewicht auf die Geschichte und Theorie der Kunst gelegt wird - und sollte man sich an den deutschen Schulen vielleicht auch mehr den theoretischen Fächern zuwenden?

          Klar, aber nicht nur der Geschichte und Theorie der Kunst. Auch viele andere Fächer sollten vorgestellt werden. Künstler werden von vielen verschiedenen Dingen stimuliert. Sie sitzen nicht im Studio und warten auf Inspiration. Daher möchte ich die Menge an Informationen, die die Studenten hier bekommen, um vieles erweitern und eine Art Austausch mit anderen Disziplinen ermöglichen.

          Heute studieren an einigen Kunsthochschulen mehr als fünfzig Prozent Frauen. Wenn man sich aber Ausstellungen und Sammlungen der Museen und den Kunstmarkt ansieht, dann überwiegen nach wie vor männliche Künstler. Was kann die Schule dagegen tun?

          Das ist eine Frage, die mich seit fünfundzwanzig Jahren beschäftigt. Und ich bin heute noch entsetzt, dass Künstlerinnen nicht in dem auch nur annähernd gleichen Maße wie Künstler in den Sammlungen der Museen vertreten sind. Was kann man machen? Wir brauchen mehr weibliche Rollenmodelle. Aber die Welt ändert sich, man kann beobachten, dass es mehr und mehr kollektive Arbeiten gibt, dass man immer mehr glaubt, „wir“ seien größer als „ich“ - und daher kann man hoffen, dass es dann auch immer weniger eine Rolle spielen wird, ob man weiblich oder männlich ist. Ich beobachte, dass bereits jetzt junge Künstler und Künstlerinnen zusammenarbeiten, Ideen austauschen in einer sehr offenen, kollektiven Atmosphäre - ohne dass sie wie früher geschlechtliche Territorien abstecken. So wird vielleicht einmal die ganze Genderfrage verschwinden. Und da Künstler und Künstlerinnen unglaubliche Ideen entwickeln können, kann die Kunst dazu entscheidend beitragen.

          Sie sind eine Künstlerin, die seit Jahren auch unterrichtet. Nicht jeder Künstler ist aber automatisch auch ein guter Lehrer. Was macht einen Künstler, eine Künstlerin zum guten Lehrer?

          Das ist eine wunderbare Frage. Ja, Kunst zu lehren ist etwas, was Sie nicht im klassischen Sinne lernen können. Mein Ansatz ist es, den Studenten zuzuhören und ihnen zu helfen, ein visuelles Vokabular für ihre Ideen zu finden. Es gibt bereits ein reiches historisches Vokabular, was immer noch Bedeutung hat und was die Studenten weiterentwickeln können, was sie jedoch manchmal vergessen; da kann ich helfen. Aber vor allem sollte man ihnen helfen, das geeignete Medium für ihre Ideen zu finden. Manchmal entspricht ihre Idee eher der Malerei, manchmal eher dem Skulpturalen, manchmal eher der Animation; das herauszufinden ist die Kunst, die ein guter Lehrender beherrschen muss. Ich habe daher einen ganz individuellen Zugang zu den Studenten.

          Am Eingang der Düsseldorfer Akademie steht geschrieben: „Für unsere Studenten nur das Beste“. Was ist das Beste für eine Studentin, einen Studenten der Kunst?

          Ich denke, den Studenten zuzuhören, sie zu fragen, was sie machen wollen, und ihnen dann zu helfen, dass es so geschieht. Als Institution sollten wir versuchen herauszufinden, was die Studenten an Interessen haben, und sie dann unterstützen und ihnen Mut zusprechen, diesen Interessen nachzugehen. Das Beste bedeutet nicht, dass wir Lehrer entscheiden, was sie wissen sollten oder nicht, sondern zu verstehen, was für die Studenten wichtig ist und dies dann mit ihnen zu entwickeln. Das Beste sollte von den Studenten kommen.

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