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Kunsthochschulrektorin Rita McBride : Wir brauchen weibliche Rollenmodelle

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Es gibt sehr große Unterschiede - weil in den Vereinigten Staaten das Studium unglaublich teuer ist, sind die Studenten bemüht, es so schnell wie möglich zu beenden. Auch wollen sie so schnell wie möglich in die Gesellschaft eintreten, Verantwortung übernehmen und der Gesellschaft wieder etwas zurückgeben. Als ich nach Europa kam, war es für mich eine der größten Überraschungen, unter welchen unvorstellbar luxuriösen Bedingungen man hier studiert. Das führt aber auch dazu, dass man hier weniger konzentriert arbeitet, es gibt viel Leerlauf. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, es ist wunderbar, viel Zeit zu haben, wenn man sich das leisten kann, aber ich vermisse eine bestimmte Komplexität. Etwas dazwischen wäre ideal. Denn wenn Sie als Künstler erfolgreich sein wollen, dann müssen Sie einfach jeden Morgen aus dem Bett, wenn möglich früh, und sich an die Arbeit machen ...

Es heißt immer, dass amerikanische Künstler viel eloquenter als europäische sind, viel besser über ihr eigenes Werk reflektieren und sich besser in der aktuellen theoretischen Diskussion orientieren könnten. Könnte das daran liegen, dass in den amerikanischen Schulen viel mehr Gewicht auf die Geschichte und Theorie der Kunst gelegt wird - und sollte man sich an den deutschen Schulen vielleicht auch mehr den theoretischen Fächern zuwenden?

Klar, aber nicht nur der Geschichte und Theorie der Kunst. Auch viele andere Fächer sollten vorgestellt werden. Künstler werden von vielen verschiedenen Dingen stimuliert. Sie sitzen nicht im Studio und warten auf Inspiration. Daher möchte ich die Menge an Informationen, die die Studenten hier bekommen, um vieles erweitern und eine Art Austausch mit anderen Disziplinen ermöglichen.

Heute studieren an einigen Kunsthochschulen mehr als fünfzig Prozent Frauen. Wenn man sich aber Ausstellungen und Sammlungen der Museen und den Kunstmarkt ansieht, dann überwiegen nach wie vor männliche Künstler. Was kann die Schule dagegen tun?

Das ist eine Frage, die mich seit fünfundzwanzig Jahren beschäftigt. Und ich bin heute noch entsetzt, dass Künstlerinnen nicht in dem auch nur annähernd gleichen Maße wie Künstler in den Sammlungen der Museen vertreten sind. Was kann man machen? Wir brauchen mehr weibliche Rollenmodelle. Aber die Welt ändert sich, man kann beobachten, dass es mehr und mehr kollektive Arbeiten gibt, dass man immer mehr glaubt, „wir“ seien größer als „ich“ - und daher kann man hoffen, dass es dann auch immer weniger eine Rolle spielen wird, ob man weiblich oder männlich ist. Ich beobachte, dass bereits jetzt junge Künstler und Künstlerinnen zusammenarbeiten, Ideen austauschen in einer sehr offenen, kollektiven Atmosphäre - ohne dass sie wie früher geschlechtliche Territorien abstecken. So wird vielleicht einmal die ganze Genderfrage verschwinden. Und da Künstler und Künstlerinnen unglaubliche Ideen entwickeln können, kann die Kunst dazu entscheidend beitragen.

Sie sind eine Künstlerin, die seit Jahren auch unterrichtet. Nicht jeder Künstler ist aber automatisch auch ein guter Lehrer. Was macht einen Künstler, eine Künstlerin zum guten Lehrer?

Das ist eine wunderbare Frage. Ja, Kunst zu lehren ist etwas, was Sie nicht im klassischen Sinne lernen können. Mein Ansatz ist es, den Studenten zuzuhören und ihnen zu helfen, ein visuelles Vokabular für ihre Ideen zu finden. Es gibt bereits ein reiches historisches Vokabular, was immer noch Bedeutung hat und was die Studenten weiterentwickeln können, was sie jedoch manchmal vergessen; da kann ich helfen. Aber vor allem sollte man ihnen helfen, das geeignete Medium für ihre Ideen zu finden. Manchmal entspricht ihre Idee eher der Malerei, manchmal eher dem Skulpturalen, manchmal eher der Animation; das herauszufinden ist die Kunst, die ein guter Lehrender beherrschen muss. Ich habe daher einen ganz individuellen Zugang zu den Studenten.

Am Eingang der Düsseldorfer Akademie steht geschrieben: „Für unsere Studenten nur das Beste“. Was ist das Beste für eine Studentin, einen Studenten der Kunst?

Ich denke, den Studenten zuzuhören, sie zu fragen, was sie machen wollen, und ihnen dann zu helfen, dass es so geschieht. Als Institution sollten wir versuchen herauszufinden, was die Studenten an Interessen haben, und sie dann unterstützen und ihnen Mut zusprechen, diesen Interessen nachzugehen. Das Beste bedeutet nicht, dass wir Lehrer entscheiden, was sie wissen sollten oder nicht, sondern zu verstehen, was für die Studenten wichtig ist und dies dann mit ihnen zu entwickeln. Das Beste sollte von den Studenten kommen.

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