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Kunsthaus Bregenz : Immer schön kühl bleiben

  • -Aktualisiert am

Auch wer der Verwandtschaftslinie zu Marcel Duchamp nicht recht folgen mag, findet mit „Re-Object“ im Kunsthaus Bregenz eine ungemein anregende Ausstellung: So hat man Gerhard Merz, Damien Hirst und Jeff Koons noch nie gesehen.

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          Den schlechten Leumund kriegt er nicht mehr los. Das hat er nun davon, der Hai, dass er das Haimaul so weit aufreißt. In Zeiten knielanger Badehosen und bengalisch bemalter Surfbretter ist der Hai, was früher der Drache war. Nur dass sie den Drachen nie hinter Panzerglas einsperren konnten. Dafür fehlt jetzt vor Damien Hirsts „Hai in Formaldehyd“ der heilige Georg - was auch nicht so tröstlich ist. Sie ist schon stark, diese Wiederbegegnung mit dem konservierten Waffentier, das so schwimmblasenleicht in seinem Panzerbecken schwebt, dass ein paar Nylonfäden genügen, um es vor dem Kippen oder Sinken zu bewahren. Aber vielleicht ist das schon wieder viel zu genau hingesehen. Vielleicht sollte man doch lieber den Sicherheitsabstand einhalten, den niemand vorschreibt. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass Kunst nicht anders zu haben ist als auf eigenes Risiko.

          Eine Attacke mehr noch auf den Körper als auf die Sinne hier im zweiten Stock des Bregenzer Kunsthauses, in der Ausstellung „Re-Object“. Hinter dem Hai das andere Schauerstück aus Hirsts Labor. Der Regalschrank mit dem hochglanzpolierten medizinischen Gerät - Scheren, Sägen, Messer, Feilen, Kanülen, dass auch dem routiniertesten Pathologen die Coolness vergeht. Und an den Wänden die wandlangen „Dot paintings“, kulissenartige Friese voller regelmäßig, also streng gesetzter Farbpunkte. Tausende, Zigtausende Farben, und keine kommt zweimal vor, heißt es, und keine sei am Photoshop gemischt, alle stammten sie aus der medizinischen Produktion. Es ist, als würde man mit Pillen, Drogen und Dragees überschüttet. Selten zuvor ist so deutlich geworden, wie der englische Künstler bei der Minimalkunst ansetzt, wie er die anonymen, leeren Bauteile aus der Industriekultur zitiert und sie bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit mit Bedeutung füllt. Viel zu erklären gibt es nicht. Alles erklärt sich, wenn sich die Haut ein wenig zusammenzieht, was sie seit Hannibal Lecters Ausbruch aus dem Hochsicherheitstrakt schon lange nicht mehr getan hat.

          Jeff Koons: Unterhaltung ist doch nicht alles

          Dabei ist man durch das Inferno schon hindurch. Ein Stock tiefer empfängt einen Gerhard Merz mit dem Wärme-Licht-Schock von 359 Leuchtstoffröhren, die wie Heizungsrippen von der Wand abstrahlen und das Trio seiner neuen Bilder in einen ungewissen Vorhöllenglanz tauchen. Monumentale, altarbildgroße Formate mit Haaren und Staubbüscheln im wachsähnlichen Farbgrund. „Bianco Rotto“, „Malacoda“, „Lucifer“, danteske Signaturen. Es sei die reine Tragödie, sagt der Künstler. Und wenn er es mit seiner tiefen Bassstimme sagt und das Wort „Tragödie“ vom geschliffenen Beton zurückhallt, dann ist es für einen Augenblick, als habe Gerhard Merz mit Beatrice an der Hand wirklich das Ende aller Dinge gesehen.

          Und es ist klar, dass es nach Limbus und Reißzahnkette im Haimaul auch in der Dachetage so gemütlich nicht werden kann, wie es der Name Jeff Koons verspricht. Wohl hat man dem freundlichen Herrn aus New York doch etwas Unrecht getan, wenn man sein Kopulationstheater mit der schrägen Cicciolina schon für des bunten Werkes eigentliche Mitte genommen hat. Nicht dass die kleine Retrospektive, die sie hier oben aufgebaut haben, den hauttonfarbenen Lebensabschnitt gänzlich ausblenden würde. Aber es weht zwischen den kratzerlosen Riesentulpen, dem stählernen „Rabbit“ und dem porzellanen „Pink Panther“ eine solche Kühle, dass man doch Abbitte leisten möchte, den Künstler vor allem für die gelungene Selbstplazierung in der Star-Galerie des zwanzigsten Jahrhunderts gerühmt zu haben. Mit guter Unterhaltung ist vielleicht doch nicht alles gesagt. Und die monströse Designanstrengung, die Jeff Koons auf seine Kitschvorlagen verwendet, verrät hier oben ein derart bedrohliches Verhältnis zu infantilisierten Kultur, dass die ewige Lächelmaske dieses Werks kaum noch zu halten scheint.

          Vielleicht können Ausstellungen hier nur radikal sein

          „Re-Object“. Eine ungemein anregende Ausstellung, die Eckhard Schneider im Kunsthaus Bregenz veranstaltet. „Re“ legt eine Verwandtschaftslinie hinab ins zwanzigste Jahrhundert zu Marcel Duchamp, dessen „Readymades“ auch in kleiner Auswahl (kuratiert von Herbert Molderings) im Entree zu sehen sind. Aber man muss den Pionier des Kunstexperiments nicht ständig im Kopf und vor Augen haben, wenn man sich die steilen Treppen nach oben arbeitet. Duchamp ist ein gutes Motiv, mehr noch ein Motto für den Geist der Ausstellung. Aber allzu angestrengt sollte man nach Affinitäten nicht forschen. „Re-Object“ hat keine neue These, die es zu belegen und zu widerlegen gäbe. Und die Baumarkt-Leiter, die sich Jeff Koons für seine „Caterpillar Ladder“ besorgt hat, hat nun wirklich nichts mit den Kleiderhaken zu tun, die Duchamp als „Trébuchet“, als Stolperfalle auf den Atelierboden gelegt hat.

          Wie es überhaupt mit den Verweisen zwischen den Ausstellungsteilen nicht so weit her ist. „Re-Object“ meint auch das Nicht-Zusammenspiel. Nichts wird gegenseitig erhellt oder verdunkelt, nichts verstärkt oder überboten. Man geht von einer Präsentation zur anderen, wie man im Museum einen Raum nach dem anderen besucht, nur dass die Räume hier vertikal gestaffelt sind. Und wie immer man das anfängt, von unten nach oben oder von oben nach unten, bleibt doch in jedem Stockwerk jeder für sich. Und jeder steht vor der gleichen Herausforderung des einzigartigen Ambientes.

          Vielleicht hat es ja wirklich mit der Noblesse und Hermetik der Zumthorschen Architektur zu tun, dass hier Kunstinszenierungen kaum anders denn als radikale zu haben sind. Diese Räume zwingen zu einer Präzision, die von den Werken gleichsam alles kunstbetrieblich Vernutzte wischt. So jedenfalls hat man Merz und Hirst und Koons noch nie gesehen. Und wenn man sich kühl gesehen hat, dann wärmt man sich am Vorfrühlingsufer des Bodensees, schaut den Schwänen beim Liebesspiel zu und wird den mächtigen Höllen-, Hai- und Hasen-Hall im Rücken doch so schnell nicht wieder los.

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