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Tierfabeln in Kunsthalle Wien : Aversion und Aggression

  • -Aktualisiert am

Biografisch begründet: Vieles, worauf die Künstlerin innerhalb der Schau hinweist, ist ein diskreter Hinweis. Bild: Ydessa Hendeles/Kunsthalle Wien

Die drei Jünglingsferkel im Feuerofen: Die makabren Tierfabeln von Ydessa Hendeles in der Kunsthalle Wien schnüren den Besuchern die Luft ab.

          Das Unheimliche ist in dieser Ausstellung heimisch. Bis in die Betonschalen der Wiener Kunsthalle dringt es ein, so dass sich in dieser Stadt – naturgemäß – die Erinnerung an Sigmund Freuds Abhandlung über eben „Das Unheimliche“ aufdrängt. Für den Begründer der Psychoanalyse bestand es weniger im schlechterdings Ungeheuerlichen, das in die vertraute Welt einbricht; unheimlich erscheinen uns bekannte, aber verdrängte Gehalte des Bewusstseins, die plötzlich vor uns auftauchen. Die Ausstellung von Ydessa Hendeles, 1948 als Kind polnischer Juden in Marburg zur Welt gekommen, entfaltet ein ahnungsvoll beklommenes Bild davon. In theatralischer Lichtregie taucht die kanadische Künstlerin die Dinge in ein Chiaroscuro und verleiht ihren Räumen und Installationen die Aura einer mysteriösen Erzählung. So arrangiert sie einen regelrechten Komplex aus Fundstücken aller Art – Kinderbüchern, Märchenbüchern und Spielzeugen, aus Fotografien, Drucken, Requisiten und Devotionalien. Man wähnt sich irgendwo zwischen Wunderkammer und Grabkammer, mag hier und da gar an die morbide Kapuzinergruft zu Palermo denken.

          Der Ertrag der atmosphärisch dichten Schau besteht darin, dass sie bei aller Theatralik, deren Regler sie voll aufdreht, nicht irgendeinem sanften Grusel Gestalt gibt. Vielmehr führt sie mit den Gegenständen aus der Vergangenheit eine politische und gesellschaftliche Gegenwart als einigermaßen suspekt und letztlich abgründig vor Augen. Die Geschichte, wo immer die Künstlerin sie in der Symbolik von Religion, Volksgut und nationaler Identität aufstöbert und zitiert, ist voller Hybris, ihre Dämonen sind bis heute aktiv im Zeichen von Klischee, Ressentiment, Chauvinismus.

           „Death To Pigs“:  Der Schlachtruf zitiert die Morde der Manson Family aus dem Jahr 1969.

          Ydessa Hendeles’ Werdegang zur Künstlerin verlief umwegig. In Toronto hatte sie Kunst und Kunsttherapie studiert, bevor sie an der Amsterdam School for Cultural Analysis promovierte. In den achtziger Jahren eröffnete sie in Toronto die Ydessa Gallery, in der sie einflussreiche, vor allem kanadische Künstler vertrat, darunter Rodney Graham, Jeff Wall und Ken Lum. 1988 gründete sie die Ydessa Hendeles Art Foundation mitsamt einer ersten privat finanzierten Ausstellungshalle in Kanada; sie begann zu sammeln, wobei sie sich für zeitgenössische Kunst ebenso interessierte wie für kulturhistorische Gegenstände. Erst über diese Tätigkeiten trat sie als Künstlerin in Erscheinung. Ihr Werk definiert Hendeles aus der Praxis des Kuratierens, wie sie diese bereits 2003 im Münchner Haus der Kunst – auf Einladung des damals frisch gekürten Direktors Chris Dercon – vorgeführt hatte. Als Teil ihrer Sammlung und ihrer Ausstellung präsentierte sie damals, ausgerechnet im nationalsozialistischen Kunsttempel, die Skulptur „Him“ von Maurizio Cattelan, den kniend betenden Hitler im Tweed-Anzug (den sie 2016 in einer Auktion wieder verkaufte).

          Vieles von dem, was in ihr Werk als Ausdruck von Aversion und Aggression Eingang gefunden hat, ist biographisch begründet – worauf die Künstlerin innerhalb der Schau einen diskreten Hinweis liefert. Eine Schwarzweißfotografie zeigt ein Mädchen auf einem Dreirad, an dessen Lenker ein Fähnchen des Union Jack befestigt ist. Das Mädchen ist Ydessa selbst, das Foto aus dem Familienalbum entstand 1951 anlässlich des Besuchs der Queen in Kanada. Kurz zuvor waren die Eltern mit der Tochter von Marburg nach Toronto ausgewandert, um hier, als Überlebende von Auschwitz, ein neues Leben anzufangen. Auf einem Sockel neben dem Foto liegt eine übergroße, im Grunde monströse Fahrradklingel; es könnte fast ein Objekt von Claes Oldenburg sein, ist aber ein Fundstück aus Frankreich und stammt aus dem Jahr 1925. In den Hebel ist ein Hahn eingraviert, der gallische Hahn, in diesem Fall auch ein Firmensignet.

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