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Künstler Wolfgang Mattheuer : Der boshafte Publikumsmagnet

Wonnen des Populären, durchsetzt mit beißender Systemkritik an der DDR: Die Kunsthalle Rostock zeigt eine beeindruckende Retrospektive der Bilder des Leipziger Malers Wolfgang Mattheuer.

          3 Min.

          Zehn Jahre nach dem Tod des ostdeutschen Künstlers Wolfgang Mattheuer widmet ihm die Rostocker Kunsthalle anlässlich seines neunzigsten Geburtstags eine glanzvoll bestückte Retrospektive. Begleitet wird die „Bilder als Botschaft“ überschriebene Jubiläumsschau von einem Catalogue raisonné der Gemälde, der 742 Einzelwerke auflistet – den Gesamtbestand der von 1950 bis 2002 entstandenen Bilder –, von der kleinformatigen Ölskizze bis zum Wandfüller des „Guten Tages“ aus dem Foyer im Palast der Republik. Seit 1995 in der Obhut des Deutschen Historischen Museums, zählt diese Auftragsarbeit allerdings nicht zu den stärksten Werken des prominenten Mitglieds jener „Leipziger Schule“, der neben Mattheuer Bernhard Heisig und Werner Tübke angehörten. An der dortigen Hochschule für Grafik und Buchkunst lehrend, war das Trio bemüht, die Staatsdoktrin des „sozialistischen Realismus“ mit individualistischen Positionen zu unterwandern.

          Camilla Blechen
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Im Jahr 1927 als Sohn eines Buchbinders im vogtländischen Reichenbach geboren, schaffte es Wolfgang Mattheuer, nach der Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker zum beliebtesten Maler der DDR aufzusteigen. Ausschlaggebend für die landesweite Wertschätzung war das 1970 entstandene, zwei Jahre später auf der großen Dresdner Kunstausstellung präsentierte „Schwebende Liebespaar“, das der kollektiven Sehnsucht nach inniger Zweisamkeit und Geborgenheit Rechnung trug. Neben dem vom Staatlichen Museum Schwerin erworbenen Publikumsmagnet waren 1972 in Dresden ein optimistisch voranschreitender Baumaterialienträger, „Der Anfang“, zu sehen, das Menetekel eines Angriffs auf jegliches Wachstum, „Ein Baum wird gestutzt“, und das aus der Vogelschau virtuos ins Visier genommene „Blaue Leipzig“.

          Sammlung des Industriellen Fritz P. Mayer

          Im Sommer 1977 erhielten die aus aller Welt herbeigeströmten Besucher der sechsten Documenta in Kassel Gelegenheit, die meisterhafte Vedute des ostdeutschen Malers zu bewundern. Ermutigt durch den ersten Ankauf eines bundesdeutschen Museums – 1976 hatte die Hamburger Kunsthalle den „Alten Genossen am Zaun“ erworben –, stellte der von Uwe M.Schneede geleitete Hamburger Kunstverein mit Leihgaben aus Ost-Berlin, Leipzig und Dresden eine Mattheuer-Ausstellung auf die Beine, deren Material man zu großen Teilen in der aktuellen Rostocker Retrospektive wiederbegegnet. Einbezogen waren seinerzeit bereits drei von insgesamt dreizehn Gemälden, die der Kölner Sammler Peter Ludwig zwischen 1977 und 1990 zusammentrug, darunter der stilistisch wegweisende „Osterspaziergang“ von 1971, das rätselvolle „Was nun?“ sowie ein verdoppeltes Selbstporträt im Augenblick existentiellen „Erschreckens“. Neu aus der Kollektion des von ostdeutscher Kunst faszinierten Ludwig hinzugekommen sind das stimmungsvolle „Graue Leipzig“ und der frappierende Auftritt des Ikarus unter Kleingärtnern, „Der Nachbar, der will fliegen“.

          Der Sammlung des Industriellen Fritz P.Mayer, der dem Frankfurter Städel 2008 die imposante Zweitfassung eines sardonisch grinsenden „Kolosses“ von 1971 schenkte, entstammen die Spießeridylle einer „Familie am Strand“ und die in Nachwendezorn umformulierte Erstfassung des Hauptwerks „Hinter den siebenBergen“, das 1973 als Metapher für Republikflucht misstrauisch beäugt wurde und seinem Schöpfer die Überwachung durch den Staatssicherheitsdienst eintrug. Als Besitzer des von Max Beckmanns Verismus beeinflussten „Großen Fensters“ mit der zum Reittier degradierten Friedenstaube hatte der Potsdamer Museumsgründer Hasso Plattner leider kein Ohr für den Leihwunsch der Rostocker und hielt außerdem seine Neuerwerbung des suggestiv dämmernden „Merkwürdigen Abends“ von 1975 zurück.

          Alter Ego des von Resignation heimgesuchten Malers

          Während westdeutsche Museen so gut wie nichts von Mattheuer auszuleihen haben, beteiligen sich große wie kleine Häuser in den neuen Bundesländern an der Rostocker Rückschau. Die (einst Ost-)Berliner Nationalgalerie stellte das Konterfei der „Ausgezeichneten“ zur Verfügung, deren reale Gesichtszüge anfangs auf die Dresdner Malerin Lea Grundig, später auf Mattheuers Mutter zurückgingen. Der Moritzburg aus Halle entstammt „Verlorene Mitte“, ein zaghafter malerischer Anlauf zur 1984/87 realisierten bombastischen Bronzeplastik „Jahrhundertschritt“. Leipzig glänzt mit dem ikonischen Stadtbild unter azurblauem Himmel, Chemnitz mit der rätselhaften „Eingeschneiten Aktion“. Zum Glück der Veranstalter trennte sich die Klassik-Stiftung Weimar temporär vom neusachlich inspirierten „Ersten Grün“, einem Gemälde aus der besten Schaffenszeit des Künstlers.

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          Erstaunen weckt die vom Werkverzeichnis erfasste unerwartete Menge der Gemälde. Sie erklärt sich aus Mattheuers Eigenart, seinen großen Leinwänden Ölskizzen voranzuschicken, Farben und Formen im Kleinen zu erproben. Gemalt wurde ein Großteil der nur auf den ersten Blick mühelos zu deutenden Figurenbilder, Landschaften, Stillleben, Märchen und Mythen in rascher Folge nach der von Erich Honecker eingeräumten Ermächtigung zu „Weite und Vielfalt“ der bildenden Kunst. 1993, nach langer Schaffenspause, wird der in sich zusammengesunkene „Alte Mann im Kahn“ zum Alter Ego des von Resignation heimgesuchten Malers.

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