https://www.faz.net/-gqz-931mo

Bremen zeigt Max Beckmann : Im Zirkus der Angst und der Lüste

Trotzdem hat es immer etwas von Setzkasten, wenn eine Ausstellung, wie hier, nach Motiven statt Werkphasen sortiert ist. Der „Zirkuswagen“ aus dem Frankfurter Städel hängt deshalb an der falschen Stelle. Das Bild, 1940 gemalt, gehört in die Kriegszeit in Amsterdam, zwischen das finstere „Selbstbildnis in der Bar“ und die verhärmten „Les Artistes mit Gemüse“. Es ist die Allegorie von Beckmanns Exil: Tigerkäfig, Zirkusdirektor, Clown und Kunstreiterin sind die Dachstube am Rokin 58 gepfercht, wo der Maler sein Atelier eingerichtet hat. Im Hintergrund, vor der geschlossenen Dachluke, sieht man Beckmanns Kopf hinter einer Zeitung. Er liest, er träumt, das ist sein Draht zur Welt.

Ein Varieté der Ungewissheiten

Die Zirkusmetapher ist auch ein Akt der Selbstbehauptung. Beckmanns Kunst politisiert sich eben nicht so ostentativ wie die von Dix und Grosz, sie bespielt weiter ihre eigene Bühne, auf der sich die Zerstörung Europas als atmosphärische Verdüsterung spiegelt. Das „Große Varieté“ von 1942 ist gerade deshalb groß, weil es so erbärmlich klein ist – der Feuerspeier scheint sich an seinen Flammen zu verschlucken, die Tänzerin hat bessere Zeiten gesehen, die zersägte Frau spült tagsüber Geschirr. Beckmann gelingt es, das Rot, Gelb und Himmelblau seiner Palette so anzuschwärzen, dass die Farben wie verbrannt aussehen. Seine Welt rollt sich von den Rändern her ein wie ein welkes Blatt.

Glücklicherweise legt die Ausstellung ihr eigenes Konzept großzügig aus. Sonst dürfte das Porträt der Familie Heinrich Georges nicht hier hängen, auf dem Beckmann den Freund, der im Nazireich blieb und nach Kriegsende in russischer Lagerhaft starb, mit Frau, Kind, Hund und Kollegin zeigt, und auch die „Sinnende Frau am Meer“ würde fehlen, eins der wenigen Gemälde in Bremen, die nicht durch Bretterwände und Parkett gerahmt sind. Hier ist die Kulisse das offene graue Meer, die Bühne eine Terrasse, auf der Beckmanns Frau Mathilde sinnend in eine Glaskugel schaut – und in der Kugel schimmert, bläulich verschwommen, die Zukunft: das Varieté der Ungewissheiten, der Zirkus der Angst.

Eine Ferne, zu der nur er allein Zugang hat

Beckmanns Kunst wird zum Welttheater, weil in ihr Überdruck herrscht: an Formen, Figuren, Mythologien, an Drama und Groteske. Das gilt für das spätexpressionistische „Familienbild“ ebenso wie für den brutalen „Apachentanz“ von 1938 und die zehn Jahre später entstandenen „Cabins“, die danteske Höllenphantasie einer Atlantiküberfahrt. Hinter jedem Bullauge lauert hier das Unaussprechliche: eine Totenwache, eine Engelserscheinung, ein Mord, ein Albtraumgesicht. Am rechten Bildrand ist wieder eine Glaskugel zu sehen. In ihr fährt der Dampfer, dessen Inneres sich in der Vision des Malers aufgefaltet hat, ruhig durch die Nacht.

Wo die Dichte solcher Traumgesichte nachlässt, rutschen Beckmanns Bilder ins Liebliche ab. Dann zeigt er Ballonfahrerinnen, die artig Sternenbannerfähnchen schwenken, Tänzerinnen mit prallen Schenkeln, eine Salondame in Gelb, eine Hinterbühnen-Idylle. Der größte aller Mythenmaler der Moderne musste sich seine Mätzchen immer wieder mühsam abgewöhnen. Dabei half ihm weniger seine Liebe zum Nachtleben, der die Bremer Ausstellung ein Denkmal setzt, als sein eigener Artistenstolz. Der König auf dem Schauspieler-Triptychon, dem der Maler seine eigenen Züge gegeben hat, blickt nicht auf die Bühne, er schaut in eine Ferne, zu der nur er allein Zugang hat. Dort liegt der Schlüssel zu den Rätseln, die Beckmanns Kunst uns aufgibt. Zum Glück finden wir ihn nie.

Weitere Themen

Topmeldungen

Joe Biden und der Klimagipfel : Die beste Klimapolitik ist global

Seit 30 Jahren wird mit ambitionierten Politiken auf Staatenebene der Eindruck vermittelt, man verzeichne Fortschritte im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Diese Suggestion gelingt nur, wenn man die entscheidende Kennziffer vernachlässigt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.