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Kunsthalle Bremen : Der Mann bin ich, das Mädchen auch

  • -Aktualisiert am

Vorsicht vor Lustgreisen: Nach zwei Jahren öffnet die Kunsthalle Bremen wieder und präsentiert sich mit Erweiterungsanbauten und einem neu entdeckten Gemälde Edvard Munchs.

          Die Kunsthalle in Bremen ist ein Ort der Tradition. Schon der Name weckt Respekt. Denn es ist das älteste heute noch von Bürgern getragene Museum in Deutschland. Das Gebäude wurde eigens für diesen Zweck 1849 errichtet. Wulf Herzogenrath hat den starken Ruf kontinuierlich ausbauen können, obwohl Bremen nicht wirklich auf den Kunstpilgerwegen liegt - mit wissenschaftlich fundierten Ausstellungen, die trotzdem ein großes Publikum anzogen. Doch die Ära des bedeutenden Direktors ist nun nach achtzehn Jahren Geschichte. Vom 1.November an übernimmt Christoph Grunenberg sein Erbe. Bis dahin wird das Museum von der Stellvertreterin Dorothee Hansen geleitet. Und sie hat jetzt die Ehre, in dieser Zwischenphase für einen großen Moment in der Geschichte der Kunsthalle verantwortlich zu sein.

          Denn mehr als zwei Jahre lang war das Haus geschlossen. Heute Abend wird es mit einer Ausstellung zu Edvard Munch wiedereröffnet - und präsentiert sich mit zwei Erweiterungsbauten der Architekten Hufnagel Pütz Rafaelian. Sie haben an das Museum, das Kunst von der Renaissance bis zur Gegenwart zeigt, weiße Klötze geklebt, die wie verunglückte Seitenschiffe einer Kathedrale aussehen. Blickt man von den angrenzenden Wallanlagen hinunter, versucht man den steingewordenen Albtraum zu verscheuchen. Die Kuben haben in ihrer unentschlossenen Ergänzungspräsenz wenig von der entschiedenen Eleganz des Frankfurter Städelbaus, bei dem der Architekt Johannes Krahn 1963 vor die Aufgabe gestellt war, das Museum wieder aufzubauen und gleichzeitig mit dienenden Erweiterungen zu versehen.

          Abgeschnitten von der Außenwelt

          Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass die Kunsthalle nun derart eingeklemmt dasteht. Museumsarchitektur aber beweist erst ihre Stärke, wenn die Kunst Einzug gehalten hat. Genau diese Feuerprobe erlebt jetzt die Kunsthalle Bremen. Und trotz aller Kritik gilt daher: Die Anbauten waren die richtige Entscheidung - nämlich eine Entscheidung für die Kunst. Anders als es an anderen Ort geschehen ist, wie beim Monumentalbau von Zaha Hadids preisgekrönten „Maxxi“ in Rom, bei dem die extravagante Architektur die Kunst vor eine unmögliche Aufgabe stellt. Diese Erkenntnis drängt sich auf, wenn man die Kunsthalle betritt und den Schritt wagt über die Schwelle von Altbau zu Neubau.

          Sie ist nicht zu übersehen: Im mit dunklen Holz verkleideten Altbau bricht plötzlich das Licht und verwandelt sich in gleißende White-Cube-Helligkeit. Auf der einen Seite des Gebäudes haben die Architekten einen kleinen Spalt gelassen. Dort taucht die Außenfassade des Altbaus auf, jetzt als Innenwand des Neubaus: Wir schauen hier ganz aus der Nähe auf den antikisierenden Klötzenfries unter dem Dachsims des Altbaus und heben automatisch den Blick hinauf zu den Verzierungen. Alles ist hier poliert, hat nichts von dem Abgasgrau draußen vor der Tür. Der Kontakt zur Außenwelt wird jedoch gänzlich verwehrt: Kein einziges Fenster lässt auf den Ausstellungsetagen einen Blick in den Garten zu. Das ist bedauerlich.

          Hinter die Fassade zu blicken, kann sich lohnen

          Der Besucher kann im Museum den Prozess der Neuhängung der ständigen Sammlung verfolgen, darf teilhaben an der Vollendung. Überall stehen Transportkisten herum, Bohrgeräusche tönen, die Gemälden lehnen in langen Reihen und in schützende Folie gehüllt an den Wänden. Das wird auch heute Abend noch so sein, wenn die Ausstellung „Edvard Munch. Rätsel hinter der Leinwand“ eröffnet wird - ein durch und durch emotionaler Auftritt mit dem oft als Hermann Hesse der Kunst bezeichneten Norweger. Doch es gibt einen entscheidenden Grund für diese Setzung. Bei der Untersuchung des hauseigenen Werks „Das Kind und der Tod“ von 1899 wurde eine zweite Leinwand gefunden, die unter dem Gemälde auf den Keilrahmen gespannt war. Schon 1918 hatte der damalige Direktor Emil Waldmann das Bild für 20000 Mark angekauft, als erstes Gemälde Munchs für ein deutsches Museum.

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