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Ida Dehmel : Bei ihr ging ein und aus, wer als modern galt

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Ida Dehmel war Kunstfreundin, Salonière und später auch Feindbild der Nationalsozialisten. Eine angemessene Würdigung ihres Werkes steht noch aus. Zeit an sie zu erinnern. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          „Gibt es einen herrlicheren Lohn, als vielen Reihen von Menschen eine schöne Vorstellung zu sein?“, notierte Ida Dehmel 1906 in ihr Tagebuch. Sie war die Frau, die der damals in ganz Europa berühmte Dichter Richard Dehmel mit seinen Versen anbetete. Dehmels Bücher trugen Titel wie „Weib und Welt“ oder „Zwei Menschen“. Ida und er waren das Traumpaar der literarischen Jahrhundertwende. Mit der Vertonung von „Verklärte Nacht“ setzte Arnold Schönberg dieser über alle Konventionen erhabenen Liebe ein zeitloses Denkmal. Doch die Erinnerung an Ida Dehmel sollte ausgelöscht werden.

          Der Weg ins Zentrum der Kunstwelt war der jungen Ida Coblenz keineswegs vorherbestimmt, als sie 1870 in Bingen am Rhein zur Welt kam. Der Vater, ein erfolgreicher jüdischer Weinhändler, erzog sie mit strenger Hand. Wie Lichtschächte sei die Kunst in ihr Leben hereingebrochen, formulierte die Tochter später. In der bürgerlichen Welt des wohlhabenden Elternhauses in der Provinz verschlang die junge Ida Bücher von Autoren wie Strindberg, Ibsen und Nietzsche, spielte leidenschaftlich Klavier und wurde zur frühen Gefährtin und ersten Liebe eines heranwachsenden Dichters: Stefan George.

          Eine Insel der Avantgarde

          Auf Wunsch ihres Vaters heiratete Ida 1895 einen Berliner Kaufmann namens Auerbach, seines Zeichens Konsul von Kolumbien. War der Ehe auch kein Glück beschieden, so entfaltete Ida Auerbach in der feudalen Wohnung am Tiergarten ihr Talent als Salonière. Nicht den arrivierten Künstlern, die man in den anderen Salons der Stadt antraf, galt ihr Interesse, sondern den jungen Wilden. Sie suchte die Komponisten neuer Lieder, die Maler neu entdeckter Welten, die Schöpfer eines neuen Sprachstils, präsentierte Namen wie Edvard Munch und Stanisław Przybyszewski. Bald war der Rat der „Tiergartendame“ unter Künstlern geschätzt, ihre Hilfe gefragt. Neuen Kunstwerken zur Entstehung zu verhelfen wurde Idas Lebensthema.

          Die schicksalhafte Begegnung mit dem ebenfalls bereits verheirateten Richard Dehmel geriet zur unausweichlichen Liebe. Obwohl noch von ihrem Ehemann schwanger, entschied Ida Auerbach, ihr Leben nun ganz der Kunst zu widmen. Zwei Jahre ging sie mit Dehmel auf Reisen durch Europa, bevor das Paar in London heiratete und in Blankenese ein neues Zuhause fand. Ihre von Peter Behrens und Henry van de Velde inspirierte Wohnung wurde zu einer Insel der Avantgarde in der konservativen Hamburger Umgebung. Ida Dehmel liebte die Inszenierung als Dichtergattin, trug ungewöhnliche Kleider und auffallenden Schmuck. Mancher Hanseat quittierte dies mit verständnislosen Blicken, andere erlagen ihrer Faszination. „Sie saß in einem Sessel neben der Tür und wusste offenbar, wie bildmäßig sie wirkte. Beide stellten in der Wirklichkeit die ‚Zwei Menschen‘ dar, wie man sie sich nach dem ‚Roman in Romanzen‘ vorstellte“, erinnerte sich der Kunstsammler Gustav Schiefler.

          „Wir Modernen...“

          Ida Dehmels Fixsterne lagen nicht in Hamburg, sie fand sie in Kunstzentren wie Weimar, Wien und Dresden. Die zahlreichen Lesereisen ihres Mannes boten Gelegenheit, unterwegs in örtliche Künstlerkreise einzutauchen, Bekannte zu treffen, neue Kunst zu entdecken. „Wir Modernen...“ – so begann Ida in diesen Jahren viele ihrer Sätze. Auf diese Weise füllte sich auch das heimische Gästebuch mit auswärtigen Namen: Harry Graf Kessler, Max Liebermann, Julie Wolfthorn, Karl Schmidt-Rottluff, Max Klinger, Alma Mahler, Richard Strauss, Max Reger, Gerhart Hauptmann, Max Reinhardt, Julius Meier-Graefe, Emile Verhaeren, Paul Claudel und viele mehr erwiesen den „Zwei Menschen“ ihre Referenz.

          1912 bezogen Richard und Ida Dehmel ein im Geiste der Reformarchitektur vom Dichter selbstgestaltetes Haus in Blankenese. Hier ließ Ida große Archivschränke aufstellen, in denen sie die reichhaltigen Korrespondenzen ihres Mannes sammelte. Im Jahr darauf schenkten Freunde und Verehrer Richard Dehmel das zunächst zur Miete bewohnte Haus zum fünfzigsten Geburtstag. Unter diesen Gönnern waren Stefan Zweig und Arthur Schnitzler, Walther Rathenau und Eduard Arnhold, Samuel Fischer und Gustav Kirstein. Ida Dehmel war dieser Höhepunkt des Ruhms ein tiefer Genuss, der erhabenste Feiertag ihres Lebens. Als Richard Dehmel 1920 starb, nannte sie ihr Zuhause „Dehmelhaus“ und widmete sich fortan der Nachlasspflege. Aus dem zuvor privaten Künstlertreffpunkt machte sie eine begehrte Adresse im Hamburger Kulturleben.

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