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Kunstbiennale Venedig : Und plötzlich diese Untersicht

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Frische Luft und Abschied vom Prinzipiellen: Die 51. Biennale von Venedig findet zur Kunst zurück und ist die beste seit langem. Sie lockt den Betrachter in erträumte Paradiese und stürzt ihn in blutige Höllenbezirke.

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          Soviel Abschied war nie. Doch nie war er so heiter, so voller Zuversicht, nie entschiedener aus auf die Freiheit, die entsteht, wo Enge und Beklemmung weichen und frische Luft hereinströmt. Lag - nicht nur meteorologisch - noch vor zwei Jahren die ganze Überhitzung und Stickigkeit des Kunstbetriebs über der Lagune, so darf man nun aufatmen.

          Dabei scheinen die Aufräumungsarbeiten noch nicht beendet. Denn es wird, gleich hinter dem Eingang zu den Giardini, dem angestammten Kernland der Biennale di Venezia, gesägt und gehämmert, gemeißelt und gestemmt. Ob die Maurer nicht rechtzeitig fertig geworden sind mit der Arbeit an dem massiven, stockwerkhohen Würfel aus Betonsteinen? Ob die Pläne falsch waren, oder ob sie selbst einen Fehler gemacht haben?

          Dogmatismus zu Staub

          Keiner weiß es. Jedenfalls bauen die Maurer nicht auf - sie spitzen weg, sägen ab, werfen hinunter, schleppen fort. Vor zwanzig Jahren haben Künstler wie Sol LeWitt solch minimalistische „White Cubes“ in Skulpturenparks oder Museen aufgestellt. Nun beginnt Monica Bonvicini mit dem Abräumen: Bewußt, Schicht für Schicht wird der Würfel geschleift. Und mit ihm die Bastion einer Kunst, die er befestigte. Ob das im Hinblick auf den Minimalismus gerecht ist oder nicht, spielt keine Rolle. Alles, was nach Dogmatismus ausschaut, werde Staub, damit aus Staub Kunst werde - und die Bewegungsfreiheit wachse.

          Wer sich aber sorgt, in Venedig werde nur zerstört und abgetragen, der eile zum anderen Ende der Gärten. Dort wird auch er aufatmen, steht er doch mit einem Mal vor einem veritablen Bergmassiv. Und plötzlich diese Untersicht. Dorthin, wo man bislang den 1934 von Josef Hoffmann erbauten österreichischen Pavillon vermutete, hat Hans Schabus einen Berg gesetzt. Nur hier und da ragen noch Teile des Baus aus dem in seidigem Dachpappengrau schimmernden Massiv. Die Alpen rücken nach Italien vor. Was könnte das Land der Berge besser repräsentieren als ein Berg, einer, der nicht einmal einschüchtert, wie er so daliegt, einfältig und vielfältig zugleich, kantig, aber nett. Auch ist es der erste Berg, der sich nur von innen besteigen läßt. „Das letzte Land“ nennt Hans Schabus sein Berg-Werk, das Natur nur spielt und sich dem Drang des Tourismus sogleich fügt, ein feines Kunst-Berg-Werk, das Bau und Höhle und Hülle und Haut zugleich ist.

          Das ist der Höhepunkt

          Das ist der Höhepunkt, so oder so. Denn zwischen Kubus und Berg tun sich alle Nationen schwer, gegenüber den Ausstellungen im Padiglione Italia und den Arsenalen zu bestehen. Zwar schallt es einem beim Betreten des deutschen Pavillons von herumtollenden Aufsichten ausgelassen entgegen: „Oh, this is so contemporary, this is so contemporary...“ Doch selbst wenn man das Echo des Ohrwurms überall vernimmt: Tino Sehgal hat sein Publikum schon in bessere Geschichten verstrickt. Was ein Ereignis hätte sein können, das man nicht so leicht vergißt, schrumpft zum Show-Effekt.

          Das ändern auch Gespräche über Ökonomie nicht, die nebenan zu führen sind. Zu unentschieden wirkt überdies die Kombination mit der auf der Grenze zwischen Malerei und Skulptur balancierenden Installation „Der Tisch, der Ozean und das Beispiel“ von Thomas Scheibitz, zu umstandslos wird sie zur Kulisse des slapstickhaften Auftritts. Und für Scheibitz' Gemälde, auch sie rätselhafte Grenzgänger zwischen Modell und Autonomie, fehlt der Resonanzraum.

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