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Kunstbiennale Venedig : Die Katze über dem Astloch

  • -Aktualisiert am

Am Sonntag eröffnet in Venedig die 53. Kunstbiennale. Der Deutsche Pavillon wurde in diesem Jahr von dem Briten Liam Gillick gestaltet. Peter Richter hat ihn sich angeschaut und dabei einer sprechenden Katze zugehört.

          Der Hinweis auf die Fragwürdigkeit von Nationenpavillons ist ein ritueller Reflex auf der Kunstbiennale von Venedig. Es ist so etwas wie die Grußformel derer, welche die Aufgabe haben, einen Nationenpavillon zu gestalten. Manche sagen darüber hinaus dann nicht viel mehr.

          So ist auch diesmal das Hauptausstellungsstück im Deutschen Pavillon der Deutsche Pavillon selbst. Der Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung ist der Umstand, dass es sich um einen Ausstellungspavillon handelt und dass es der deutsche ist. Gegen beides wurde, kuratorisch und künstlerisch, wieder einmal interveniert: Wo „Germania“ darübersteht, präsentiert Nicolaus Schafhausen, der den Pavillon zum zweiten Mal verantwortet, den Briten Liam Gillick. Und wo der sture Pfeilerportikus von Pathos tönt, profaniert Gillick den Eingang mit bunten Plastikfransen zum Küchenvorhang herunter.

          Das alte Angstbild der Katze

          Küchen sind also das Thema. Das ist, erst einmal, nicht so uninteressant, wie es zunächst aussieht. Es ist aber leider auch nicht so ergiebig, wie es sein könnte. Was man sieht, sind modulare Möbelstrukturen, die sich quer durch den Bau ziehen. An einer Stelle sitzt, sozusagen als skurriles, kreatürliches Zentrum der Installation, eine „sprechende Katze“ auf dem Schrank. Aus Lautsprechern weht dazu der von Gillick verfasste Text „Eine Küchenkatze spricht“ durch den Raum. Es spricht darin allerdings eben nicht die Katze selbst, sondern wiederum nur Gillick, und es geht darum, dass Kinder die Katze voraussichtlich nicht mögen werden, die Katze die Kinder aber auch nicht.

          Im Maul trägt diese Katze ein Informationsblatt, das einem auch am Eingang ausgehändigt wird. Und dort erst erfährt man, dass Margarete Schütte-Lihotzkys „Frankfurter Küche“ als „wichtiger Markierungspunkt von angewandtem Modernismus in Gillicks Praxis“ der Ausgangspunkt der Überlegungen war, die industrielle Moderne also. Die Materialität, ein akneartig mit Astlöchern übersätes Tannenholz, verweist eher auf handfeste skandinavische Do-it-yourself-Schreinerei, aber in diesem Kontrast ist natürlich ein gewaltiges, ideologisch hochaufgeladenes Themenfeld aufgerufen. Die Funktionalisierung der Küchenarbeit nach dem Vorbild der Autoindustrie als „emanzipatorisches Modell häuslicher Tätigkeit“ aufzurufen und das dann so stehenzulassen, ist allerdings ein bisschen dünn. Es ignoriert nicht nur die bemerkenswert misogynen Untertöne in diesem Kapitel der Sozial- und Architekturgeschichte, sie werden durch das alte Angstbild der Katze, offensichtlich unbewusst, sogar noch perpetuiert.

          Übersteigerter Narzissmus

          Wer ernsthaft von der Frankfurter Küche sprechen wollte, von Schütte-Lihotzky, von Ernst May, von der Funktionalisierung des Bauens und des Wohnens: der dürfte das nicht so naiv als Torso im Raum stehenlassen, der müsste dann auch von dem sprechen, was aus dieser Moderne wurde und warum, bis hin zur triumphalen Rückkehr der alten, archaischen Wohnküchen, die heute in Wohnzeitschriften wie Musterhäusern zuweilen ein zentralraumhaftes Pathos erreichen, gegen das der Deutsche Pavillon die Bescheidenheit eines Vorratsschuppens hat.

          Am Ende reduziert es sich darauf, eine skulpturale modernistische Baustruktur – modular, additiv und nichthierarchisch wie die in den achtziger Jahren abgerissene „Metastadt Wulfen“ bei Bielefeld – quer durch einen tempelartigen Altbau mit klar gegliederter Hierarchie aus Hauptschiff, Apsis und Seitenkapellen zu schieben, was als Argument der Moderne gegen die rhetorische Überformung des Pavillons im Nationalsozialismus eine willentliche Naivität darstellt; so könnte man auch Palladio den Prozess machen. Am Ende bleibt die im Katalog festgehaltene Verwunderung Liam Gillicks darüber, dass der Deutsche Pavillon nicht als Küche gebaut wurde, sondern als ein Ausstellungsraum, dem es ums Erhabene und Tempelhafte ging. Auf so einem Niveau ist aber die Auseinandersetzung mit nationalsozialistischer Architektur fruchtlos. Die Einbauten in ihrer eifrigen Renitenz bestätigen sogar eher die flexiblen Qualitäten des Altbaus, so wie die demonstrative Auswahl eines nichtdeutschen Künstlers den Narzissmus des Deutschen im Deutschen Pavillon eher übersteigert.

          Es wäre gut, wenn kommende Kuratoren aufhören würden, den Nazi-Bau durch unzulängliche Abarbeitungen zu vergötzen. So beeindruckend ist er nun auch nicht.

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