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Kunstbiennale in Venedig : Bildersturm im Wasserglas

  • -Aktualisiert am

Futuristische Träume und Produkte aus Rohöl: Mit der Kunstbiennale in Venedig beginnt der Jahrhundertsommer der Gegenwartskunst. Binnen zehn Tagen werden vier internationale Großkunstereignisse eröffnet. Beim Start in Italien sind wirkliche Entdeckungen zu machen.

          Jetzt geht es also endlich los: Monatelang wurde über nichts anderes mehr geredet als über den sogenannten Jahrhundertsommer der Gegenwartskunst, in dem in nur zehn Tagen nacheinander vier internationale Großkunstereignisse eröffnet werden, nämlich die Kunstbiennale in Venedig, die Art Basel, die documenta und die Skulpturenprojekte Münster; gestern früh donnerte der Karnevalszug der Kunstwelt, von Rekordverkaufsergebnissen bei den Auktionen und von dem Versprechen einer neuen Kunstblüte befeuert, erwartungsvoll in die erste Station, auf die Kunstbiennale in den venezianischen Giardini (siehe auch: Banal grande).

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Und? Da ist zum Beispiel der deutsche Pavillon: Hier hat die Bildhauerin Isa Genzken unter dem Titel „Oil“ einen surrealen ikonographischen Overkill an Objekten versammelt: Rollkoffer, auf denen sich ausgestopfte Eulen festgesetzt haben, als wollten sie einen schlechten Witz zum Thema „Oil“ machen; Schlaufen, die auf Erhängungen warten, eine Schutzhülle für Anzüge, auf der „Willvorst - Vergnügen mit Stil“ steht; Todesaffen auf Chromröhren, menschengroße Puppen, eingehüllt in Alupapier und Plastikhelme; futuristische Plastiksessel.

          „Passen Sie auf sich auf“

          Die meisten Produkte dieser modernen Welt sind aus Rohöl gemacht, und wenn man aus Genzkens delikat irrer Objekt- und Materialassemblage unbedingt einen Sinn herausdestillieren will, wird man darauf kommen, dass es hier wohl um die Versprechen und Abgründe einer expansiven Moderne geht, die mit ihren Plastik- und Rohölprodukten einerseits heiterste futuristische Träume (Schwebemöbel, Astronauten) vom Aufbruch in unbekannte Welten pflegt, andererseits mit ihrem Rohölbedarf Krieg und Verderben befeuert.

          Nebenan im französischen Pavillon geht es nicht um derartige Ruinen moderner Träume, sondern um emotionale Trümmer: Sophie Calle hat eine E-Mail, mit der ein Mann sich angeblich von ihr trennte und die mit den unheilvollen Worten „Prenez Soin de vous“ - passen Sie auf sich auf - endet, 107 teilweise prominenten Frauen wie Jeanne Moreau, Guesch Patti oder der Sängerin Feist mit der Bitte um eine Interpretation vorgelegt.

          Das Ergebnis sind Dutzende von kleinen Erzählungen, die von der Unfähigkeit, die Wahrheit zu sagen, sich auszudrücken und von einer existentiellen Einsamkeit handeln. Daneben, als dritte prominente Künstlerin in den Länderpavillons, arbeitet sich Tracy Emin bei den Briten in die Exzessformen der neueren Kunstgeschichte hinein: Sie malt wie Cy Twombly und biegt dessen abstrakten Farbrausch zu einem erkennbaren weiblichen Körper zurecht.

          Formenwelt der sechziger Jahre

          Es gibt auf dieser Biennale wirkliche Entdeckungen: Eine davon ist der sechsundachtzigjährige Argentinier Leon Ferrari, der in seinen futuristischen Zeichnungen und Architekturmodellen aus Poly-urethan die zukunftsfrohen Utopien der sechziger Jahre ebenso spiegelt wie ihr Scheitern in urbanen Monsterwelten. Sein Werk wirkt wie ein Schlüssel für die aktuelle Rückbesinnung auf eine experimentelle Kunst und Formenwelt der sechziger Jahre.

          Eine andere Entdeckung ist die sechsundzwanzigjährige Emily Prince. In akribisch gezeichneten Porträts hält sie das Gesicht jedes im Irak gefallenen Soldaten fest, über den sie Informationen bekommen kann. Den Toten, deren Bilder das amerikanische Militär unter Verschluss hält und deren Särge nicht fotografiert werden dürfen, wird so, in der klassischen nobilitierenden Form des handgezeichneten Porträts, eine letzte individuelle Würde zurückgegeben. Prince zeichnet fast jeden Tag die neuen Gefallenen; zurzeit umfasst ihr Archiv etwa 3800 Porträts.

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