https://www.faz.net/-gqz-x8mh

Kunstbiennale Berlin : Was hinter der Faust haust

Ein Film über eine Fetischistin, die mit der Berliner Mauer verheiratet war, ausgeräumte Garderoben, Betonmonstren und ein Skulpturenpark, der kaum zu erkennen ist: In Berlin eröffnet die fünfte Biennale für Gegenwartskunst.

          4 Min.

          Als die Berliner Mauer fiel, freute sich Eija Riitta nicht. Die Mauer war ihr Mann. Wenn man sie nach ihrem Namen fragt, sagt sie: Eija Riitta Berliner-Mauer. 1979 hatte sie an der Mauer eine Trauzeremonie abgehalten, zehn Jahre später, so sieht sie das, kam ihr Ehemann bei einem dramatischen Unfall um. Dieser Fetischistin, die an „Objectophilie“ leidet, hat der Künstler Lars Baumann einen Film gewidmet, der ab diesem Samstag im Skulpturenpark zu sehen ist - einem der vier Orte, an denen die von Adam Szymczyk und Elena Filipovic kuratierte Biennale stattfindet.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das eigentliche Zentrum dieser Kunstschau ist aber Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie. An ihrem Dach wehen kreischbunte Fahnen, als werde hier gerade eine internationale Reggae-Tagung abgehalten, aber natürlich ist das Ganze ein Kunstwerk, aufgehängt von Daniel Knorr. Der unverzichtbare Biennale-Kurzführer teilt mit, dass das, was hier erst mal multikulturell und nach Barnett Newman aussieht, in Wirklichkeit die abstrahierten Fahnen der 58 in Berlin ansässigen Studentenverbindungen seien - was alle erfreut, die in scheinbar heiterer Kunst gern unerwartete Abgründe ausfindig machen. Aber dann wird es interessant. Fast alle in der Nationalgalerie gezeigten Künstler beschäftigen sich am Beispiel der Architektur mit der Moderne, ihren Versprechen und Irrwegen, was diese Biennale schon einmal wohltuend von den durcheinandergeschaufelten Themenanhäufungen anderer Großausstellungen unterscheidet.

          Architekturtheorie der Doppeldeutigkeiten

          Susanne Winterling zum Beispiel hat die Garderobenkabinen ausgeräumt und in ihnen Objekte, Filme und Fotos zu einer suggestiven Architekturtheorie der Doppeldeutigkeiten arrangiert. Aufgelöste Formen, Wiedergänger, Nachbilder, halbscharfe Erinnerungen: alles, was in rationalistischen Bauvisionen keinen Platz hat, versammelt sich hier. Man sieht in einem Film, wie Kondenswasser an den Scheiben der Nationalgalerie herunterläuft, im Wasser brechen sich die Lichter der vorbeifahrenden Autos, die Welt funkelt als chaotisches Bilderkaleidoskop in den Bau hinein und offenbart die Schönheit des Kontrollverlusts. In der Mitte dieses Raums steht schließlich ein Modell; es zeigt den Dachgarten des Hauses der Designerin Eileen Gray. Sie ist das vielleicht prominenteste Opfer männlichen Kontroll- und Gestaltungswahns in der neueren Architekturgeschichte - ihr Freund und Konkurrent Le Corbusier war immer wieder heimlich in ihr Ferienhaus eingedrungen und hatte dort schließlich ungefragt nackte Frauen an die Wände gemalt, was Gray nicht, wie er, als Veredlung, sondern als Gewaltakt empfand.

          Es ist noch die Frage, ob man diese Kunst auch versteht, wenn man sich weniger für Architekturgeschichte und -theorie interessiert, und einigen wird dieser Teil der Biennale vielleicht zu subtil und hermetisch erscheinen. Trotzdem ist es spannend, wie da an eine andere, offenere Tradition der Moderne erinnert - und von ihr aus ein Pfad in die Gegenwart gelegt wird. Auch Haris Epaminonda baut aus Versatzstücken Miesscher Architektur einen Ort, der nicht Innen- und nicht Außenraum ist und von seltsamen Zwitterobjekten besiedelt wird.

          Albert Speers Betonmonstrum

          Weitere Themen

          Künstlerin der Nacht Video-Seite öffnen

          Malen in der Dunkelheit : Künstlerin der Nacht

          Die Künstlerin Silke Silkeborg stellt sich seit zehn Jahren der Herausforderung, die Nacht zu malen. Mehrmals in der Woche setzt sie sich mit ihrer Leinwand in die Dunkelheit und malt das, was es trotzdem zu sehen gibt.

          Topmeldungen

          Warten auf Gäste: Türkische Taxifahrer an der syrisch-türkischen Grenze in Kilis im September 2019

          Flüchtlinge in der Türkei : Wer soll das bezahlen?

          Immer wieder weist der türkische Präsident Erdogan auf die hohen Ausgaben für die syrischen Flüchtlinge in seinem Land hin. Wie viel Geld steht der Türkei tatsächlich zur Verfügung?
          Seit Anfang des Jahres gelten andere Regel für Totalverluste aus Kapitalvermögen: Sie sind nicht mehr voll von der Steuer absetzbar.

          Steuergesetz : Verluste tun jetzt doppelt weh

          Wenn Anleger Geld verlieren, müssen sie oft trotzdem Steuern zahlen. Schuld daran ist ein neues Gesetz, das eigentlich nur grenzüberschreitende Steuergestaltungen regeln sollte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.