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Ausstellung in Bad Homburg : Massensterben in schön

Akihiro Higuchi, HANA, H0118 Bild: © Akihiro Higuchi, Courtesy of Mikiko Sato Galerie, Hamburg

Im Sinclair-Haus trägt die Kunst die Insekten zu Grabe. Was kommt nach deren Tod?

          In den kommenden drei Monaten geht es in den frischrenovierten Räumen des Bad Homburger Sinclair-Hauses vor allem um den Tod. Wie könnte es auch anders sein, wenn sich eine Ausstellung den Insekten widmet beziehungsweise dem, was von ihnen übrig geblieben ist?

          Vor drei Jahren entstand die Idee zu „Flügelschlag“, vor zwei Jahren erschien die mittlerweile berühmt-berüchtigte Insektenstudie des Entomologischen Vereins Krefeld, und spätestens seit das Unterrichtsheft zur Ausstellung auch abseits der Schulklassen ein Verkaufsschlager geworden ist, hat das kleine Team des Sinclair-Hauses bemerkt, dass es einen Nerv getroffen hat.

          Um sechsundsiebzig Prozent, fanden die Forscher aus Krefeld heraus, ist die Masse der Insekten in deutschen Naturschutzgebieten seit 1986 zurückgegangen. Auch deswegen hätten die zwanzig Künstler der „Flügelschlag“-Ausstellung eine gemeinsame Botschaft vermitteln wollen, sagt Kuratorin Ina Fuchs: dass Insekten faszinierende, schützenswerte Tiere sind.

          Christa Sommerer & Laurent Mignonneau, People on the Fly

          Diese doch etwas banale Feststellung in komplexen Werken widerzuspiegeln gelingt einigen Künstlern in „Flügelschlag“ so gut, dass die kleine Ausstellung mit ihren fast siebzig zeitgenössischen Installationen, Videos, Skulpturen und Malereien richtiggehend groß erscheint.

          Der Brite Dominic Harris erfindet den Schmetterlingsschaukasten neu. Auch Harris hat auf Reisen verschiedene Falterarten gesammelt – allerdings virtuell. Statt auf Nadeln aufgespießt hinter Glas beginnt Harris’ Sammlung munter über kleine LCD-Bildschirme zu flattern, sobald sich ein Besucher nähert. Harris’ Schmetterlinge leben noch, aber nur, weil sie nie lebendig waren.

          Bäume werden mit Hühnerfedern bestäubt

          Denn eigentlich tickt die Uhr. Es sei fünf vor zwölf, wenn nicht sogar schon zwei Minuten nach, mahnte die Direktorin des Sinclair-Hauses, Andrea Firmenich, bei der Präsentation der Ausstellung. Mirko Baselgias Medailllon „Antupada – The Bee dreams up the Flower and the Flower dreams up the Bee“ aus der Sammlung der Stiftung Nantesbuch, die das Sinclair-Haus betreibt, hängt denn auch wie eine Wanduhr über den Köpfen der Besucher.

          Mirko Baselgia, Antupada - The Bee dreams up the Flower and the Flower dreams up the Bee, 2012

          Das Wachs, auf dem das natürliche Gleichgewicht zwischen Biene und Blume dargestellt ist, könnte jederzeit schmelzen. Baselgia weiß, wie spät es ist. Der Graubündener hat sich durch Archive und Bibliotheken gewühlt und mit Experten gesprochen, um alles über den Zustand der Biene zu erfahren.

          Maximilian Prüfer musste nicht wühlen. In der chinesischen Provinz Sichuan gibt es keine Bienen mehr, die die Kirschbäume der Obstbauern noch bestäuben könnten. Prüfer hat in seiner aktuellen Arbeit „A Gift from Him“ dokumentiert, wie man sich behelfen kann, wenn die Natur die Bedürfnisse des Menschen nicht mehr erfüllt: Die chinesischen Bauern haben sich aus Bambusstöcken und Hühnerfedern primitiv anmutende Werkzeuge gebastelt, mit denen sie ihre Bäume seit dem Massensterben der Insekten per Hand bestäuben. Sie liegen in der Mitte des Ausstellungsraumes, direkt neben den Holzkörben der Bauern. Prüfer hat von seiner Reise in den bienenlosen Landstrich eine selbstbestäubte Birne mitgebracht, die er als Protagonistin einer großformatigen Fotografie und eines Bronzeabgusses im Sinclair-Haus künstlerisch ausschlachtet.

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